Was übrig bleibt, wenn die eigene Welt irgendwann endet – Ein Gespräch über Deponia mit Jan „Poki“ Müller-Michaelis 0

Was übrig bleibt, wenn die eigene Welt irgendwann endet – Ein Gespräch über Deponia mit Jan „Poki“ Müller-Michaelis 0

Ich glaube, es ist ein kleines Vorwort angebracht. Ein Gamescomtext? Jetzt noch?! Ja, jetzt noch, denn was jetzt folgt, ist mit ganz oben auf meiner Liste der Highlights 2013. Es ist die Fortsetzung, wenn man so will, meines Gesprächs mit Jan Müller-Michaelis, alias Poki, von Daedalic aus dem letzten Jahr von der Gamescom. Jetzt da »Deponia 3« in den Startlöchern steht, das damals lediglich noch ein grobes Konzept war. Es war bewegend und hat mich noch mehr gerührt als letztes Jahr und ich habe mich sehr schwer damit getan und mir große Mühe gegeben, der Essenz des ganzen, gerecht zu werden. Warnung: Ihr müsst ein bisschen Zeit mitbringen. Es war ein langes Gespräch und entsprechend ist auch der Artikel ausgefallen. Ich hoffe, es gefällt euch trotzdem.

Es ist irrsinnig heiß am Gamescomfreitag, als ich mich nach dem letzten Jahr auf ein neues mit Jan Müller-Michaelis aka Poki, Creative Director von Daedalic, zusammensetze. Diesmal sind wir auch nicht alleine, denn unser David hat sich als bekennender »Deponia«-Fan spontan dem Gespräch mit angeschlossen. Der Zeitplan ist anscheinend ziemlich straff, PRlerin Christina hat durchblicken lassen, dass es schon mehr als nur eine Handvoll Interviews heute für Poki gegeben hat und geben wird. Coolerweise scheint die Wiedersehensfreude nicht nur auf meiner Seite, als Poki um die Ecke kommt und uns begrüßt, denn er grinst durch seinen dichten, braunen Bart hindurch, wissend was jetzt kommt. Auch ihm ist unser Gespräch im letzten Jahr noch im Gedächtnis. Achievement unlocked! Nach der Begrüßung schwingen wir uns auf eine Strandgarnitur auf der Dachterrasse. Die Luft flirrt, aus großen Boxen dudelt irgendein Loungetrack in der Endlosschleife, Anzugträger und Journalisten huschen an Smartphones herumspielend an uns vorbei, auf der Suche nach ein wenig Erholung.

Poki  Interview 1

„Es war mal wieder ein großer Ritt.“, meint Poki auf meine Frage wie es ihm im letzten Jahr ergangen ist. Müde aber trotzdem gut gelaunt sieht mein Namensvetter aus, sitzt vornübergebeugt auf dem Flechtmöbel, hat leicht gerötete Augen mit Ringen darunter, die aber dennoch wach und konzentriert ausschauen, jede Begegnung um uns herum verfolgen. Es hat ein bisschen was von einem Marathonläufer, der gerade durchs Ziel gelaufen ist und sich zum ersten mal hinsetzt und das gerade geschehene Revue passieren lässt, bevor es an die Siegesfeierlichkeiten geht. „»Chaos auf Deponia« ist ja tatsächlich gut angekommen und als ich zurückgeschaut habe, habe ich mich echt gefragt, was mit unserer Agenda ist, dass jedes Spiel besser werden sollte als das letzte. Man will ja schließlich nicht auf der Stelle treten, sondern immer auch irgendwie den nächsten Schritt gehen. Ich habe zurückgeschaut auf das mittlerweile schon sehr alte Konzept, als »Deponia« noch ein großes Spiel werden sollte und stellte fest, dass [»Goodbye Deponia«] ja viel zu kurz werden würde… Was noch kommen sollte, Teile und Handlungsstränge die ich woanders verbaut hatte, Verwechsungskomödie, eben all diese Aspekte. Ich habe mir dann Gedanken gemacht, was mir fehlt, etwa unter anderem so ein breiterer Spielteil. Den und andere habe ich dann auch reingebaut bekommen, was dazu geführt hat, dass das Spiel dann natürlich nochmal ein großes Stück gewachsen ist. Ich bin erst aus dem Keller gegangen, als alles gepasst hat, aber dann war natürlich auch schon wieder Februar/März, danach dann natürlichPoki Interview 2 auch schon wieder die nächste Phase, Texte Schreiben, Polishing, alles zusammenfügen. Crunchphase folgt auf Crunchphase.“ Womit dann also auch die Augenringe erklärt wären. Während Poki erzählt wirkt seine Mimik trotz allem eher betrübt als erleichtert, dass ein großer Berg Arbeit jetzt hinter ihm liegt. Als jemand von außen kurz in den Dialog funkt, um ihm etwas zu zu flüstern, gehe ich kurz in mich und mache mir Gedanken: Irgendwie hat das Gespräch bis jetzt etwas sehr… unverfängliches? Routiniertes? Das trifft es noch nicht ganz, aber es ist nah dran. Irgendetwas dazwischen. Das wiederum trifft es: Genauso wie unser Gespräch bisher verlaufen ist, ist auch gerade der kreative Entwicklungsschritt in dem Jan sich befindet. Das Spiel, die Arbeit und Selbsterkenntnis für ihn als Erzähler sind noch nicht fertig, aber nah dran. Können resümiert werden, sind aber nicht abgeschlossen, weil alles noch so frisch ist und noch soviel neues ansteht. Es ist eine merkwürdige geistige Zwischenwelt in der wir drei gerade zu Gast sind, zwischen Erlebtem und Erleben, Aufregung und Verarbeitung. Seine eingangs beschriebene Körpersprache ist exemplarisch dafür.

Poki Interview 3„Was anderes, das mich sehr freut, ist, dass wir tatsächlich auch Leute für uns begeistert haben, die Adventurespiele früher nichtmal mit der Kneifzange angefasst hätten, vielleicht auch nicht einmal die Klassiker von damals kennen. Ich werde sogar von Leuten aller Schichten und Altersklassen einfach in Alltagssituationen erkannt und das freut mich jedes mal. Ich war zum Beispiel einmal zwischen den Crunchphasen auf dem Hurricane-Festival, stand in der Toilettenschlange und jemand kam zu mir und meinte „Hey du bist doch Poki, wie cool!“ und dann haben wir uns ein bisschen unterhalten.“ resümiert er. David – sich an einen Toilettenwitz aus der Deponia 3-Präsentation vom Vortag erinnernd – fragt, ob aus solchen Situationen vielleicht auch Witze entstehen. „Natürlich nimmt man immer sehr viel von dem was passiert mit auf und verarbeitet das dann mit im Spiel. Ich habe dir und euch ja schon letztes Jahr erzählt, dass »Deponia« das persönlichste Spiel von mir ist. Natürlich erkennt man dann irgendwann auch, wie viel von einem herum und aus dem eigenen Leben mit ins Spiel einfließt. Es ist sehr entlarvend, mein Psychotherapeut dürfte das niemals in die Finger bekommen.“ gesteht er uns lachend. So langsam nähern wir uns dem eigentlichen Kern des ganzen. David lässt darauf hin die Frage los, die ihm schon die ganze Zeit unter den Nägeln brennt: »Weißt du denn, was unter Umständen danach kommt? Jetzt wo Edna und Harvey durch sind, Deponia ebenfalls, hast du Ideen, die dir im Kopf rumschwirren?“ „Ich muss tatsächlich gestehen, dass ich mir erst einmal den Luxus nehmen werde, mich da geistig ein bisschen auf die Suche zu begeben. Wenn ich schon an Deponia anknüpfe, dann möchte ich mir auf vernünftig die Zeit nehmen, ein Thema zu finden, das mich auf der selben Ebene so ursprünglich berührt.“

„Aber wie ist denn dein Gesamtempfinden momentan? Jetzt, wo fast alles erledigt ist. Bist du traurig, bist du glücklich?“ frage ich, eine Lücke in der herrschenden Unverfänglichkeit sehend. „Ich bin momentan noch aufgeregt und gespannt auf das Endprodukt.“ meint Poki, während sein Mienenspiel ein wenig ernster wird und seine Schultern unmerklich ein wenig mehr hängen. Jetzt sieht er zum ersten mal richtig müde und nachdenklich aus, als würden seine Gedanken kurz an einen Ort und in ein Gemütsstadium wandern, die nur er selbst kennt. „Es gab während der ganzen Entwicklungsphase Momente und Arbeitsschritte, die ich konstant im Hinterkopf hatte und wo mir ein Kloß im Hals saß, bei dem Gedanken mich denen irgendwann einmal stellen zu müssen. Die bewegendsten Momente waren dabei die Erzählersongs. Als ich die letzten Zeilen schrieb, musste ich teilweise mit den Tränen kämpfen und meine Hände haben auf der Tastatur gezittert – mag man gar nicht meinen. Die Songs haben eine sehr seltsame Rolle im Spiel: Natürlich fassen sie immer die Kapitel und das Geschehene zusammen, aber sie sind auch eine metaphorische Klammer. Es ist jemand, der Beziehungsstress hat und die Geschichte von Deponia als eine Art Metapher erzählt und dabei nie so richtig zum Punkt kommt. Irgendwann habe ich die Formulierung gefunden, dass alles was passiert, irgendwann nichts weiter ist, als eine Erinnerung und ich finde das unfassbar traurig. Du kriegst Abstand zu diesen Dingen, spürst wie sie dir aus den Fingern gleiten, die Entfernung wird größer und alles was du tun kannst, ist den Blick davon abzuwenden und dich neuen Sachen zu widmen. Im Falle von Deponia haben wir uns ja letztes Jahr auch darüber unterhalten, dass man sich immer diese fernen Ziele setzt, anstatt sich irgendwo einzurichten, stehen zu bleiben. Man möchte es verteidigen, aber man weiß gleichzeitig, dass es einen niemals irgendwo hin bringen wird. Die Kapitulation vor dem Sachverhalt, dass die ständige Suche nach neuen Zielen etwas zwanghaftes hat und eine nicht zu lösende Aufgabe in sich ist, hat definitiv etwas unfassbar trauriges.“ Pokis Gesichtsausdruck hat sich beim Reden jetzt noch ein wenig mehr verdunkelt. Es ist ein etwas seltsames Bild, das sich uns da bietet, finde ich. Über uns knallt die Sonne bei strahlend blauem Himmel, um uns herum tobt der pure, professionelle Stress, unter uns in den Showfloors und Innenhöfen herrscht die pure Euphorie über unser liebstes Medium, während Cosplayer, Messebabes und Gamer aller Altersklassen und Geschlechter sich umeinander tummeln. Aber hier, jetzt gerade in diesem Moment, ist es als säßen wir in einer kleinen Blase. Ruhig, melancholisch, ein bisschen traurig und auch ein bisschen glücklich. Der Nukleus dessen, auf dem alles andere aufbaut – Die Gamescom, die stressgeplagten Anzugträger, die euphorischen Fans… Das, weswegen wir hier sind und wegen dem ich mich so schwer damit getan habe, den Text zu schreiben, den ihr gerade lest. Es ist die wahre, die innerste Essenz von Spielen in ihrer Gesamtheit, seit Anbeginn. Jedes Spiel ist immer Teil der Gedankenwelt derjenigen, die an ihnen mitgewirkt haben, verstofflicht in Melodien, Schauplätzen und Charakteren. Zu spielen heißt, sich mit Menschen geistig und emotional zu verbinden, die man in 95% der Fälle als normaler Gamer nie kennenlernen wird. Es klingt alles so schrecklich hochtrabend und metaphysisch, aber jetzt gerade, mehr noch als im letzten Jahr, habe ich das Gefühl, dass dieses Erleben und diese Verbindung durch dieses Gespräch in die wirkliche Welt transportiert worden ist. Und niemand sonst nimmt Notiz davon.

Poki Interview 4

Mir kam der Gedanke, dass Jan es frei steht, als Autor und Erzähler doch jederzeit nach Deponia zurückkehren könnte. „Nee, nicht wirklich.“ meint Poki trocken. „Rufus ist ein metaphorischer Charakter und letztlich ist Deponia nur Teil seines Konfliktes, Teil seines Charakters. Die Welt hat ihn geformt und er im Umkehrschluss die Welt und tatsächlich gibt es nur eine Auflösung des ganzen. Ich wünschte, ich könnte dir mehr erzählen, aber ich möchte die Handlung nichts spoilern, wenn das Spiel noch garnicht draußen ist.“ Ich nicke und suche nach einem anderen Ansatzpunk, bleibe letztlich bei der Frage aller Fragen hängen: „Jetzt, wo fast alles getan ist… Denkst du, es hat dich alles in deiner eigenen Entwicklung, Verarbeitung und Erfahrung weitergebracht? Was nimmst du für dich selbst mit?“ „Das ist interessant, denn genau das sollte eigentlich passieren, oder? Dass einen alles was man tut auf irgendeiner Ebene weiterbringt? Aber ich bin tatsächlich noch nicht soweit, wie Rufus am Ende des Spiels… Aber wenn es darauf hinausläuft, dann hoffe ich, dass es noch alles in einer gewissen Ferne liegt. Es ist schon ein deprimierender Gedanke. Am Ende ist die Auflösung in diesem Fall dann doch keine Auflösung für einen selbst. Ich weiß nur, zwischen was man sich dann auch irgendwann entscheiden muss. Es hat mich schon ein wenig nervös gemacht, als ich so die letzten Wochen Stationen aus »Deponia 3« in meinem Leben wiedergefunden habe. Das Unterbewusstsein ist ein ziemlich merkwürdiger Zeitgenosse, der sehr viel nachdenklicher ist und klüger ist, als man ihm zutraut. Aber wenn du merkst, dass du in der Lage bist, einen Konflikt bis zur Grundsatzdiskussion freizulegen, ist das an und für sich schon etwas positives. Eine Chance auf Auflösung, die man nicht verschwenden darf.“ Es ist selten, dass man jemanden trifft, der das Prädikat „Künstler“ so sehr verdient hat wie Poki. Jemand, der sich auf einer sehr ursprünglichen Ebene mit sich selbst, seiner Message und seiner Arbeit dahinter auseinander setzt und ich kann mir nicht vorstellen, dass er diese angesprochene Chance jemals verschwendet. Und vielleicht findet er ja irgendwann sein Elysium, wenn alle Konflikte bewältigt sind. Mir bleibt nur zu sagen, wie dankbar ich ihm bin, dass er uns auf diesem Wege, durch diesen Teil seiner Gedankenwelt an der Reise teilhaben lässt und sie so, zu einem Stück der Reise jedes einzelnen von uns werden lässt. Hoffentlich bis bald, Jan. Und hoffentlich mit neuen Geschichten und neuen Abenteuern.


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