Friendship is Magic: Dust – An Elysian Tail 3

Friendship is Magic: Dust – An Elysian Tail 3

Oh Gott, es sieht so geil aus!„. Sabbernd und stammelnd sitze ich vor meiner Xbox 360 und will jeden Pixel, jeden Partikel, jeden Farbverlauf mit meinen Augen einatmen, ablecken und umarmen. Zapfen und Stäbchen feiern ein opulentes 10-Gänge-Menü, bewerfen sich mit regenbogenfarbenem Kaviar und lassen die mit Lichtreflexionen gefüllten Schampusflaschen knallen. Wann hatte ich dieses Gefühl das letzte Mal? Bei »Uncharted 2«? Kommt sicher hin, so ein AAA-Spiel mit einem Multimillionen-Budget. Aber hier reden wir von einem verdammten Ein-Mann-Projekt. Dieses Genie namens Dean Dodrill alias Humble Hearts hat im Alleingang nicht nur ein visuelles Kunstwerk geschaffen, sondern auch noch nebenbei ein supergutes Spiel mit blitzblanker Technik drum herum programmiert. Unheimlich. Gut.

Dust: An Elysian Tail - 1

»Dust: An Elysian Tail« fällt in die Klasse der sogenannten Metroidvanias(*), ist also im weitesten Sinne ein kampflastiges 2D-Jump’n’Run in einer offenen Welt, die nicht von Anfang an frei begehbar ist, sondern sich erst nach dem Einsammeln neuer Fähigkeiten (zum Beispiel: höheres Springen) erschließt. Dabei gibt es natürlich viele Verstecke zu entdecken und »Dust« bietet auch noch ein paar angedeutete Rollenspiel-Elemente sowie optionale Geschicklichkeits-Trials auf Zeit.

Wir spielen den gedächtnisverlustigen Protagonisten Dust, der zu Beginn des Spiels seine neuen Freunde Ahrah, ein sprechendes Schwert, und Fidget, ein fliegendes pelziges Vieh, kennen lernt und auf der Suche nach seiner Identität ist. Das klingt erstmal kindisch, ist es wohl auch. Sämtliche Charaktere in der Spielwelt bedienen irgendwo den Furry-Fetisch und Fans von beispielsweise »My Little Pony« dürften ausflippen vor Freude. Nicht so wirklich mein Ding, allerdings schafft Dodrill es, das gesamte Artdesign so konsistent und stimmungsvoll darzustellen und damit in mir den Grundschüler zu wecken, der nachmittags Cartoons auf Tele 5 schaute, dazu massenweise Kellogg’s-Schüsseln leer mampfte und später zum Nachbarn ging, der einen Amiga hatte. Wie kann man so etwas nicht lieben? Und wer zunächst von Fidgets quietschender Stimme genervt ist, wird schnell das großartige Voice-Acting dahinter bemerken, das vor allem ihr und unwichtigeren Nebencharakteren sehr viel Leben einhaucht. Ausgerechnet Dust selbst bleibt hier etwas blass, was aber auch Absicht sein kann im Rahmen der Story, die am Ende einen hübschen Twist nach sich zieht.

Dust: An Elysian Tail - 2

Metroidvanias sind eines meiner Lieblingsgenres und auch wenn »Dust« hier keine bahnbrechenden Innovationen liefert, setzt es doch schön konservativ auf die soliden Trademarks, liefert mir Geheimnisse in fast jedem Abschnitt und eine saubere Übersicht darüber, wo noch etwas zu holen ist. Die Karte rechts oben auf dem Bildschirm wurde vom Stil her quasi 1:1 aus Super Metroid übernommen. Und auch die üblichen Jump’n’Run-Klassiker wie zeitkritische Platforming-Passagen, rutschige Eisflächen oder das Laufen gegen einen Sturm dürfen natürlich nicht fehlen. Sehr schön sind auch die ganzen anerkennenden Grüße zu anderen Spielen: Zum einen gibt es als Heil-Utensil das Mysterious Wall Chicken, bei dem sich im Beschreibungstext gewundert wird, wer so etwas denn einmauert. Eine Frage, die sich Simon Belmont in »Castlevania« offenbar nie gestellt hat, aber geschmeckt hat es ihm offenbar trotzdem. Des weiteren dürfen wir zwölf Charaktere wie Super Meat Boy, den Pseudo-Indy aus »Spelunky« oder Tim aus »Braid« aus Käfigen befreien. Toll auch, wie an einer Stelle plötzlich aus dem Nichts die Bodenplatten dort erscheinen, wo Dust hintritt und wen findet man am Ende? Kid aus »Bastion«. Obercool!

Das Kampfsystem ist nur vordergründig recht komplex und combolastig, denn letztlich macht man immer nur dasselbe: Neben dem normalen Zuhauen kann man Energie-/Feuer-/Elektro-Geschosse durch die Luft wirbeln lassen, welche wiederum die Gegner quer durch die Landschaft schleudern. Alles blitzt, kracht, der Hitcounter zählt mit Höchstgeschwindigkeit hoch… ahhh, so einfach und so befriedigend. Oder wie Fidget sagen würde: „Swwwosshshszziszlsisllsislhs…

Dust: An Elysian Tail - 3

Auch das drangeflanschte Rollenspiel-Element ist eher minimalistisch, aber triggert in mir trotzdem die zwei wichtigsten Nerven, die ein RPG zu versorgen hat. Erstens: Sidequests. Das Gefühl, dass es immer noch zusätzlich etwas zu tun gibt bis hin zum befriedigenden Abhaken auf der To-Do-Liste. Zweitens: Ich werde immer stärker, die Gegner einer Region bleiben aber dieselben. Wer mich vor 3-4 Spielstunden noch übel behakt hat, kriegt beim nächsten Besuch aber so derbe auf die Fresse von mir. Geil!

Convenience ist ein ganz wichtiges Thema im Spiel. Wenn ich eine Bauanleitung für eine neue Rüstung finde, dann muss ich damit nicht via Weltkarte zur Schmiedin rennen, sondern ich habe ein Kommunikationsgerät, mit dem ich jederzeit mit ihr reden und shoppen kann (die Objekte werden dann offenbar einfach in mein Inventar gebeamt). Zum Bauen benötigt man verschiedene Zutaten, die von Gegnern fallengelassen werden. Hier reicht es aber für jede Zutat, sie einmal zu erhalten, dann verkauft man sie an einen Shop und kann sie ab jetzt immer kaufen, das Sortiment befüllt sich nach und nach, und zwar in allen Shops der Spielwelt. Und bequemerweise hat die Schmiedin auch gleich so einen Shop integriert. Perfekt! Man merkt richtig, wie das Spielerherz in Dodrill schlägt, wie genervt er schon mal für ein einziges Objekt stundenlang grinden musste oder zu einem bestimmten Ort rannte, weil man nur dort etwas kaufen konnte und sonst nirgends. Wie sehr er die eigentliche Spielzeit wertschätzt, statt den Spieler mit Dummfick-Aufgaben zu nerven. Trotz allem hat mich Dust mit all seinen Subquests, Trials und Geheimnissen etwa 20 Stunden beschäftigt. Stellenweise wurde es auch mal knifflig-frustig, aber da ich alte Achievement-Hure gleich auf „Tough“ begonnen habe, geht das völlig in Ordnung. So gut habe ich 1200 Microsoft-Punkte bisher nur in »Beyond Good & Evil HD« investiert.

Fazit: Sofern es überhaupt möglich ist, ein Spiel objektiv zu bewerten, so macht »Dust: An Elysian Tail« seine Sache echt gut. Es weiß genau, was es sein will, nämlich ein leicht angerollenspieltes Metroidvania und basierend darauf hat Dean Dodrill sich sehr gut überlegt, was es dafür braucht und vor allem: was man besser machen kann als mancher Genrekollege. Technisch gesehen ist es für eine One-Man-Show sowieso entsetzlich gut, ich weiß nicht, ob der Typ seine Seele verkauft hat, um so fähig zu sein, aber es sollte mich doch sehr wundern, wenn ihm die großen Firmen jetzt nicht die Bude einrennen.

Auf einer persönlichen Ebene ist »Dust« aber noch so viel mehr. Jedes Element des Spiels ist aus etwas gezimmert, was ich lieb habe. Von dem Spielprinzip, das Traditionen behutsam mit einander vermischt, über die visuelle Ästhetik, die sich zwischen alten Cartoons und Amiga-Parallax-Scrollern bewegt, über tolles Voice-Acting, bis hin zu der bedingungslosen Hingabe an Details, der Wertschätzung des Spielers, seiner Zeit und seiner Bedürfnisse. Einem Indiespiel sagt man ja gerne nach, dass es eine labour of love ist, durch die sich primär der Autor verwirklichen will und wenn es zufällig jemand anderem gefällt, auch okay. Dodrill geht aber noch diese eine Extrameile und will, dass sich das Publikum auf allen Ebenen so gut wie möglich fühlt. Meine Augen leuchten, während ich das hier schreibe und »Dust: An Elysian Tail« ist mein Lieblingsspiel 2012. Das ist mal sicher.

(*) Welches »Castlevania« spielt sich eigentlich wie ein »Metroid«? Das muss ich wohl noch nachholen, das allererste und »Lords of Shadow« tun es jedenfalls nicht.

Previous ArticleNext Article
Fabian Hartmann (Redaktion) Job: Doktorand ...for science (Future Internet/Social Networks. Nebenher Vorlesungen betreuen und Studis pampern.) Auf ZwO Experte für: das Zerreißen von Kritikerlieblingen. Ansonsten bin ich kürzlich vom PC-Saulus zum Konsolen-Paulus geworden und muss neben aktuellen Releases auch noch die besten Sachen aus der Zeit davor nachholen (für Xbox 360, PS3, Wii, (3)DS und Dreamcast - ächz!). Aufgrund meiner PC-Sozialisation lasse ich Shooter da aber meist links liegen, auch Sportspiele interessieren mich nicht. Mich springen eher stimmungsvolle, bunte Action-Adventures oder Puzzlespiele wie Professor Layton oder Portal an. Hier holt sich Fabian Gaming-News: Ich bin erschreckend schlecht aus erster Hand informiert, über die wirklich wichtigen Dinge wird sich meine Twitter-Timeline dann schon das Maul zerreißen. Filterbubble olé. Mail: fh [at] zockworkorange [dot] com Twitter: yesnocancel XBLA: yesnocancel PSN: yesnocancel Steam: yesnocancelzwo Erstes Game: Super Games Liebste Games: Uncharted 2, die God of War-Teile, King's Quest VI, Blade Runner, Bubble Bobble Liebste Persönlichkeit der Branche: Traditionell der Angry Video Game Nerd, auch wenn er stark nachgelassen hat. Jingleball für die Leidenschaft und Intensität, mit der sie sich in ein einzelnes Spiel reinkniet. Balkantoni für die stetige Verbesserung meines Wortschatzes. Liebste Game-Figur: Jade und Pey'j aus Beyond Good and Evil

3 Comments

  1. Mir schien die Demo etwas chaotisch und unübersichtlich, aber dein Review hat mir gerade ziemlich viel Appetit auf das Spiel gemacht.

    Zu deiner Frage: Castlevania: Symphony of the Night spielt sich wie ein Metroid und ist als XBLA Game erhältlich. Ein Klassiker, der dir eigentlich gefallen müsste. Außerdem sind die ganzen Handheld Castlevanias (GBA, NDS) ebenfalls in dem Stil gehalten und lohnen sich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: