The Division 2: Das MMORPG unter den Lootshootern 0

Um mir eine Übersicht über ein Genre zu verschaffen, mit dem ich bislang nicht viel zu tun hatte, habe ich in den vergangenen Monaten mit Destiny 2, Fallout 76 und Anthem die wichtigsten Vertreter aktueller MMOs ausprobiert. Den Abschluss dieser Reihe bildet vorerst »The Division 2«: Ubisofts Lootshooter erschien im März und ist nicht nur der jüngste Angehörige des Genres, sondern auch mit Abstand der beste. Mit dem virtuellen Washington D.C. hat Ubisoft einen faszinierenden Spielplatz gebaut, auf dem es immer etwas zu tun gibt und der mit seiner Mischung aus geskripteten Missionen, Events und Erkundung der offenen Welt angenehm an die Hochphase der MMORPGs erinnert. Echte Fehler leistet sich das Spiel nur in einem Punkt: Dem Matchmaking.

Städtetrip nach Washington D.C.

Ubisofts große Stärke ist seit vielen Jahren die glaubwürdige Nachbildung realer Orte in Videospielen. Das gelingt auch in diesem Fall: Highlight von »The Division 2« ist Washington D.C, das als offene Welt frei erkundet werden kann, inklusive so berühmter Attraktionen wie dem Weißen Haus, dem Washington Monument, Kapitol und Nationalarchiv. Aber auch abseits solcher Attraktionen überzeugt die Spielwelt: Der Städtetrip in die Hauptstadt der USA umfasst neben den Straßen der Metropole auch Gebäuden Parkhäuser und Geschäfte, U-Bahn-Schächte, Parks und Dächer.

Der eigenen Stärke beim Weltendesign sind sich auch die Entwickler bewusst: Ganz gezielt rückt »The Division 2« die Offenheit der Stadt ins Zentrum der Gameplays. Beinahe alle Inhalte existieren unmittelbar in der Spielwelt, sogar die geskripteten Hauptmissionen: Es genügt, das entsprechende Areal – meist ein Gebäude – zu betreten, um eine Mission auszulösen; einen Ladebildschirm bekommt man nicht zu sehen. Auch von Zwischensequenzen wird der Spielfluss, von sehr wenigen und sehr kurzen Ausnahmen abgesehen, niemals unterbrochen. Ganz in der Tradition klassischer MMORPGs konzentriert sich »The Division 2« vollständig auf seine Mechanik.

Neben den zahlreichen Haupt- und Nebenmissionen gibt es wortwörtlich an jeder Straßenecke etwas zu erleben: Gegnergruppen patrouillieren die Straßen, es finden Events statt, in die man dynamisch eingreifen kann, gegnerische Kontrollpunkte lassen sich einnehmen oder man durchsucht Gebäude und Tunnel nach neuer Ausrüstung. Auch durch diesen fließenden Übergang zwischen den unterschiedlichen Aktivitäten erinnert »The Division 2« an MMORPGs: In einem Moment erkundet man die Spielwelt, erlebt ruhige Augenblicke, lässt sich treiben und im nächsten befindet man sich mitten in einer Hauptmission, die vom Aufbau und Kompaktheit an einen Dungeon angelehnt ist. Gleichzeitig kommt dem Spiel die technische Evolution zugute, denn durch den nahtlosen Übergang von der offenen Welt zu den „Dungeons“, die starke Gegner-KI und die actionbasierten Kämpfe fühlt sich »The Division 2« erheblich dynamischer an, als die Onlinerollenspiele von früher.

Besser als die Konkurrenz

Zwar bietet auch die Konkurrenz eine Kombination aus offener Welt und linearen Hauptmissionen, doch »The Division 2« tut dies alles konsequenter. Washington D.C. ist immersiver und glaubwürdiger als die fragmentierten Planeten von Destiny 2 oder der technisch beeindruckende, aber eintönige Dschungel von Anthem. Außerdem gelingt es Ubisoft besser als seinen Konkurrenten, Gameplay und Leveldesign harmonisch aufeinander abzustimmen, denn Deckungsmechanik und Führung innerhalb der Gebäude sorgen von ganz alleine für Übersicht und Teamplay. In den Missionen gibt es daher meist klare Fronten und eindeutige Ziele. Insbesondere Anthem, das sich immer anfühlt, als spiele man nicht mit-, sondern nebeneinander, wird von »The Division 2« hier deutlich übertroffen.

Darüber hinaus begeht »The Division 2« auch nicht den Fehler, sein Gameplay durch eine Story motivieren zu wollen. Anthem und Destiny 2 sind an diesem Spagat bereits gescheitert: Auf lange Spielzeit und Redundanz ausgelegte MMOs vertragen sich nur schlecht mit dem Erzählen einer Geschichte, die immer nach einem roten Faden verlangt. Pro Forma bettet zwar auch Ubisoft jede Mission in eine kurze Rahmenhandlung ein, ist sich währenddessen aber immer bewusst, dass eine Erzählung in dieser Art Spiel keine wichtige Rolle haben kann. Auch optional in der Spielwelt auffindbare Audiologs unterstreichen lediglich mosaikartig die Atmosphäre im untergehenden Washington D.C, anstatt zu einer übergreifenden Handlung beizutragen. Im Fokus des Spiels steht stets das Gameplay, dem sich die narrativen Elemente unterordnen und die auf Wunsch auch komplett ignoriert werden können.

Pferdefuß Matchmaking

Anders als im Genre üblich, startet man in »The Division 2« grundsätzlich alleine in einer Instanz von des Spiels. Für einige Spielertypen hat das Vorteile: So lässt sich beinahe das gesamte Spiel Solo oder ausschließlich mit Freunden spielen. Wenn man allerdings Lust hat, mit anderen gemeinsam die Stadt zu erkunden, trifft man mit dem Matchmaking unweigerlich auf den großen Pferdefuß des Spiels.

Gemeinsam mit anderen zu spielen, geschieht in »The Division 2« immer auf Knopfdruck: Man kann Hilferufe anderer annehmen oder sich am Startpunkt einer Hauptmission mit anderen Spielern zu einer Gruppe zusammenschließen lassen. Sich mit anderen Spielern zu verbinden, fühlt sich jedoch immer an, als werde man aus seiner Welt und aus dem Flow des eigenen Spiels herausgerissen. Man wird durch einen langen Ladebildschirm unterbrochen, befindet sich anschließend an einem völlig anderen Ort und auch die Spielsituation ist eine andere – und häufig keine bessere.

So gelangt man oft in Spielinstanzen, in denen die Mitspieler afk sind oder keine Anstalten machen, etwas im Spiel zu unternehmen. In anderen Fällen sind die Mitspieler quer über die Karte verteilt, anstatt zusammen zu spielen. Da moderne MMOs aufgrund des Konsolenfokusses keinen Textchat mehr besitzen und viele Spieler zudem keine Lust auf Voicechat mit Fremden haben, fehlt es in solchen Situationen an Kommunikation: Man weiß nicht, ob die Mitspieler noch Interesse an Kooperation haben und kann sich auch nicht mit ihm besprechen. Oft bleibt in solchen Situationen daher nur das kommentarlose Verlassen der Gruppe.

Das ist doppelt ärgerlich, weil »The Division 2« so sehr von der Integrität der Spielwelt lebt. Washington D.C. ist groß und erlangt auch durch lange Laufwege und die Gefährlichkeit umherziehender Gegner Glaubwürdigkeit. Auf halbem Wege zum eigenen Ziel spontan auf einen Hilferuf zu reagieren, nur um festzustellen, dass der hilferufende Mitspieler nur herumsteht oder kurz darauf kommentarlos ausloggt, ist frustrierend und zerstört das eigene Spielerlebnis. Das haben scheinbar auch andere erkannt: Setzt man selbst einen Hilferuf ab, muss man oft zwanzig bis dreißig Minuten warten, bis ein Mitspieler auf den Ruf reagiert – gezielt für Nebenaktivitäten nach Hilfe rufen ist daher sinnlos, lediglich bei den Hauptmissionen findet man zielsicher und schnell Mitstreiter.

Unverständlich ist, warum »The Division 2« seine Spieler nicht dynamisch zusammenbringt. Warum kann ich nicht durch die Stadt streifen, meine eigenen Ziele verfolgen und dabei zufällig auf Andere treffen? Warum kann ich nicht spontan Spielern aus der Klemme helfen, wenn ich gerade vorbei komme? Anschließend würden wir gemeinsam weiterziehen, oder unserer Wege gehen, gerade so, wie es in dem Moment passt. Grundsätzlich existiert diese Technologie nämlich im Spiel: Sowohl in den PvPvE-Gebieten, den Dark Zones, als auch in den Safehouses trifft man auf andere Spieler, ohne, dass dafür explizit ein Matchmaking stattfinden muss und ohne, dass zuvor ein Ladebildschirm das Spiel unterbricht.

Abschließende Gedanken

»The Division 2« ist wirklich toll, daran kann auch der große Pferdefuß des Spiels nichts ändern. Trotzdem ist es ärgerlich, dass ein MMO ausgerechnet in diesem Punkt so undurchdacht wirkt: Warum muss ich zum Matchmaking immer erst aus meiner Spielwelt gerissen werden? Warum erlaubt »The Division 2« in weiten Teilen des Spiels keine spontanen Begegnungen, obwohl die notwendige Technik im Spiel bereits existiert?

Ansonsten ist »The Division 2« großartig: Besonders gut gefallen haben mir Pacing und Spieldynamik, die wie eine Mischung aus traditionellem MMORPG und modernem Lootshooter wirken: Je nach Lust und Laune kann ich eine lange Mission spielen, oder auch nur ein kurzes Event. Ich spiele mal Solo, mal im Team und wenn es viel Action gab, kann ich nahtlos eine etwas geruhsamere Phase der Welterkundung anschließen. Gleichzeitig verzichtet »The Division 2« auf das starre Korsett von World of Warcraft und Co: Statt von Questgeber zu Questgeber zu wandern, bewege ich mich auf eigene Faust durch Washington D.C. und nehme nach Lust und Laune die Angebote der Spielwelt an oder lasse sie links liegen.

Wegen des kurzweiligen Kerngameplays, weil alles in greifbarer Nähe ist und weil mich währenddessen kein Ladebildschirm raus wirft, verleitet einen das Spiel außerdem sehr subtil dazu, weiterzuspielen. Es gibt immer irgendwas zu tun: Eine neue Waffe ausprobieren, ein Event beenden, eine weitere Nebenmission spielen. Viel zu häufig habe ich mich dabei ertappt, noch lange, nachdem ich die Konsole längst ausschalten wollte, „nur mal schnell“ etwas zu erledigen.

Aus all diesen Gründen kann ich »The Division 2« nur loben: Ich habe wirklich viel Freude am Spiel, es bietet eine unglaubliche Menge an Inhalten und eine faszinierende, urbane Spielwelt, die im Fokus der Spielerfahrung steht. Mit der Rückbesinnung auf diese klassische MMORPG-Tugenden bewegt »The Division 2« das Lootshooter-Genre in eine immersivere Richtung, die mir wesentlich besser gefällt, als die session- und storybasierte Konkurrenz von Destiny 2 und Anthem. Wenn man jetzt nur noch auf andere Spieler treffen würde…

Offenlegung: »The Division 2« wurde uns von Ubisoft zur Verfügung gestellt. Auch die Screenshots stammen von Ubisoft.

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Sebastian spielt auf der Playstation 4 samt PSVR und der Nintendo Switch aktuelle Blockbuster und Indies.

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