Sekiro: Shadows Die Twice – Wir sterben uns so durch 0

Ein beeindruckendes Spiel, das hohe Ansprüche stellt

Sekiro: Shadows Die Twice

Etwas zweifelnd stehe ich auf dem Dach einer kleinen Pagode. Unter mir spazieren ein paar gut gerüstete Krieger auf und ab. Daneben steht in beeindruckendem Samurai-Outfit eine etwas größere Gestalt. Wieder ein Mini-Boss, vermute ich seufzend, denn davon gibt es in »Sekiro: Shadows Die Twice« reichlich.

Seit etwa 15 Stunden ziehe ich mit Sekiro, meinem einarmigen Helden, bereits durch das Japan des 16. Jahrhunderts. Etliche Kämpfe habe ich bereits gemeistert und einige neue Gebiete erschlossen, doch habe ich immer noch das Gefühl, nur an der Oberfläche des Spiels gekratzt zu haben.

Sekiro: Shadows Die Twice

 

Drei Jahre nach »Dark Souls 3« präsentieren Hidetaka Miyazaki und das Team von From Software mit »Sekiro: Shadows Die Twice« ein neues Kampf-Abenteuer. Ich darf dabei in die Rolle des Shinobis Sekiro schlüpfen, der seinen verschwundenen jungen Herrn wiederfinden muss. Der wird nämlich gleich zu Beginn des Spiels entführt und ich werde gleich mal Zeuge, wie meiner Spielfigur durch den Entführer ein Arm abgeschlagen wird. Arm weg, Schützling weg, Ehre weg… keine gute Ausgangsposition.

Neue Waffen sieht man gern

Das anfängliche Entsetzen weicht aber bald einer Erleichterung, denn der Arm wird durch eine besondere Prothese ersetzt. Diese lässt sich mit allerlei Schnickschnack, der natürlich erst gefunden werden will, nach und nach aufwerten und in praktische Waffen verwandeln. Diese Prothese ist allerdings nur ein Hilfsmittel, so cool sie auch ist. Gekämpft wird nämlich vorrangig mit einem Katana. Und hier geht es später rasant zur Sache.

Außerdem bekomme ich einen praktischen Greifhaken, mit dem ich Sekiro geschickt über Abhänge, auf Bäume oder Häuserdächer schwingen kann (die Animationen dabei sind übrigens großartig). Als ich dieses neue Feature vorab in den Trailern gesehen habe, hatte ich die Befürchtung, dass sich das bei ungeschickter Handhabung und Steuerung für mich oft als Todesfalle herausstellen würde. Doch hier wurde ich positiv überrascht. Die Steuerung ist intuitiv, ein Danebenspringen ist fast unmöglich und mehr als einmal hat mir diese Fähigkeit in brenzligen Situationen den Hintern gerettet.

Dem Feind schön Druck machen

Aber nicht nur diese neue Fortbewegungsweise ist gewöhnungsbedürftig, das Kampfsystem ist es ebenso. Wo man sich nämlich in den »Dark Souls«-Teilen noch mit gut platzierten Angriffen und geschicktem Ausweichen helfen konnte, wird in »Sekiro: Shadows Die Twice« ein wesentlich aggressiverer Weg gewählt. Hier geht es in erster Linie darum, die Abwehr des Gegners zu durchbrechen, um dann einen finalen Todesstoß ausführen zu können. Dies bedeutet aber, dass ich dem Gegner keine Zeit lassen darf, sich zu erholen. Hier gilt es, gegnerische Angriffe möglichst zu blocken oder im Idealfall zu parieren, um wieder ein paar Hiebe nachsetzen zu können. Auch die Gadgets meiner Prothese können helfen, den Kontrahenten aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Sekiro: Shadows Die Twice

Die Kämpfe ähneln daher mehr einem rhythmischen Tanz, in dem versucht wird, durch geschickten Wechsel von Kontern und Angreifen den Gegner zu bezwingen. Hier kommt mir zugute, dass es keine Ausdauerbeschränkung gibt. Lediglich wenn meine eigene Abwehr zusammenbricht, taumelt mein Protagonist geschwächt zu Boden und ist dann leichte Beute. Allerdings war ich noch nie der Meister im Parieren, weshalb ich hier gerade durch eine harte Schule gehe.

Sieht man das Kampfsystem von »Bloodborne« als Nachfolger des »Dark Souls«-Kampfkonzepts, sind die Schwertkämpfe in »Sekiro: Shadows Die Twice« eine logische Weiterentwicklung. Bereits in »Bloodborne« wurde aggressiveres Vorgehen belohnt und hier ist es nun komplett in den Mittelpunkt gerückt. Die notwendigen Tools, Materialien für Upgrades und Erfahrungspunkte für die zusätzlichen Fähigkeiten, um hier zu bestehen, sammle ich auf dem Weg durch die gefährlichen Spielumgebungen.

Was sich jetzt so einfach anhört, bedarf in der Realität allerdings einiger Übung und das richtige Timing will hier ebenfalls gut verinnerlicht werden. Außerdem verlangen Bosse oder auch Mini-Bosse nach verschiedenen Kampf-Taktiken, um gegen sie zu bestehen. Damit das aber nicht unbedingt im Feindesgebiet geübt werden muss, steht mir ein Lehrer zur Verfügung, mit dem ich die einzelnen Kampftechniken trainieren kann – wie bitter nötig das ist, spüre ich bereits nach ein paar Toden.

Der Tod wird doppelt bestraft

Der Tod geht in From Software Spielen niemals ohne Verlust einher. Waren es in »Dark Souls« und »Bloodborne« noch Seelen oder Blutechos, die verloren gingen, sind es nun die Hälfte meines Geldes und, was fast noch schlimmer ist, die Hälfte meiner Erfahrungspunkte, die ich gerade für den nächsten Fähigkeitspunkt sammle. Leider kann ich das verlorene Gut auch nicht mehr einsammeln, wie es in den früheren Spielen der Fall war. Geld könnte ich noch in Geldbeuteln sicher verstauen, bei den Erfahrungspunkten sieht es leider schwarz aus. Was weg ist, ist weg.

Sekiro: Shadows Die Twice

Allerdings habe ich eine kleine Chance, dass ich Geld und Erfahrungspunkte nach einem Tod behalten darf. Diese Chance wird allerdings kleiner, wenn ich öfter sterbe. Nach mehrfachem Tod erkranken nämlich NPCs an Drachenfäule, was meine Wiedergewinnungschance verringert und deren Questlines anhält oder sogar beendet. Seltsame mystische Zusammenhänge, die ich nicht unbedingt verstehe. Also muss ich die Drachenfäule wieder heilen. Dazu brauche ich aber Material und das muss ich erst wieder in Feindesland finden, in dem ich pausenlos sterbe… ein Teufelskreis.

Aber auch hier ist das Spiel nicht unfair. Werde ich getötet, kann ich nämlich meistens noch einmal auferstehen und mich selbst und mein Hab und Gut in Sicherheit bringen.

Stealth ist nur eine Möglichkeit…

Für mich überraschend und erfreulich, sind die vielen Stealth-Möglichkeiten, die »Sekiro: Shadows Die Twice« bietet. An die meisten Gegner kann ich mich heimlich von hinten heranschleichen und ihnen den Todesstoß versetzen, bevor sie mich überhaupt bemerkt haben. Bei vielen Mini-Bossen, die oft nur mit zwei Todesstößen zu besiegen sind, kann das auch eine gute Möglichkeit sein, um ihnen schon mal die Hälfte des Lebens abzuknapsen.

Oder ich schleiche mich komplett unbemerkt durch ein Dickicht oder über Baumwipfel an den Feinden und sogar an manchen Mini-Bossen vorbei. Das klingt jetzt erst einmal ziemlich verlockend, hat aber den großen Nachteil, dass ich dann nicht an wertvolle Items komme, die ich nach jedem Sieg aufsammeln kann. Hier überlässt »Sekiro: Shadows Die Twice« mir die Qual der Wahl, doch ich stelle mich dann doch immer wieder zähneknirschend den Gegnern, nachdem ich im Tarnmodus erst einmal die Gegend erkundet habe. Auf die kostbaren Gegenstände, die nach einem Erfolg locken, will ich nämlich doch nicht verzichten.

Unterwegs treffe ich immer wieder auf NPCs die mir ihre Geschichte erzählen und mich um Gefallen bitten. Damit tun sich kleinere oder größere Questlines auf, die sicher mit schönen Belohnungen winken. Allerdings bin ich meist damit beschäftigt, einfach nur zu überleben, so dass ich mir zwar merke, dass an bestimmten Orten noch jemand auf mich wartet, ich aber nicht hartnäckig nach einem gewünschten Item suche.

Sekiro: Shadows Die Twice

Auf Händler treffe ich auch hier und da, doch bin ich mir zunächst noch nicht sicher, welche Gegenstände am Anfang des Spiels nützlich sind und welche erst später gebraucht werden. Hier kaufe ich deshalb erst einmal nur zögerlich ein. Wer weiß, für was ich mein schwer verdientes Geld später noch brauche. Außerdem beschleicht mich immer wieder das Gefühl, entweder etwas Wichtiges zu verpassen oder mir das Spiel schwerer zu machen als es ohnehin schon ist. Zwar erschließt sich die Story zwar nach und nach, trotzdem bleiben genug Geheimnisse, die man wahrscheinlich erst nach dem zweiten oder dritten Spieldurchgang so ganz enträtselt hat.

Auch wenn ich das Spiel noch lange nicht bezwungen habe, bin ich bis jetzt jedenfalls schon begeistert. »Sekiro: Shadows Die Twice« ist definitiv kein Abklatsch von »Dark Souls« oder »Bloodborne«, sondern steht wirklich für sich alleine. Beispielsweise suche ich vergeblich eine Charakterauswahl oder ein RPG-übliches Levelsystem. Beides habe ich allerdings zu keinem Zeitpunkt vermisst. Das Spiel ist ein reiner Single-Player, was bedeutet, dass man sich in schwierigen Situationen auch keine Hilfe holen kann. Und auch das fehlt mir jetzt auch nicht wirklich.

Natürlich finden sich auch hier typische From Software Elemente wie das Freischalten von Abkürzungen, versteckte Gebiete oder der außerordentlich hohe Schwierigkeitsgrad, aber dennoch ist es kaum vergleichbar. Trotzdem ist die Kombination von Frust und Belohnung wieder gut gelungen und das euphorische Gefühl, einen Boss endlich besiegt zu haben, nachdem man vorher unzählige Male gestorben ist, ist auch in Sekiro: Shadows Die Twice wieder ein treibender Faktor.

Mein Fazit

From Software bleibt mit Sekiro: Shadows Die Twice seiner Linie treu. Wer eine geringe Frusttoleranz vorzuweisen hat, sollte allerdings von diesem Spiel lieber die Finger lassen. Lässt man sich aber darauf ein, nur langsam voranzukommen, viel lernen zu müssen und oft zu sterben, bekommt man dafür ein rasantes und actionreiches Spiel, das mit einem grandiosen Soundtrack, phantasievollen Gegnern und einer beeindruckend schönen Spielumgebung aufwartet. Nach jedem neuen Gebiet hat man das Gefühl, Schwerstarbeit geleistet zu haben und kann auf sein Werk wirklich stolz sein. Bockschwer und trotzdem immer wieder faszinierend und fesselnd!

Ein Rezensionscode wurde uns von Activision freundlicherweise kostenlos zur Verfügung gestellt. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank!

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Auf ZwO Expertin für Stealth und Sneaky Games (ab und zu darf aber auch mal ein reinrassiger Shooter oder ein Horror-Spielchen dazwischen sein).

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