Sable 0

Sable 0

Seit Jahren verfolge ich die Entwicklung des Indiegames »Sable« – das Erstlingswerk der beiden Entwickler von Shedworks Games. Seit dem ersten Gif auf Twitter war ich verliebt in den Stil dieses Spiels, das mich so sehr an frankobelgische Comics meiner Kindheit und vor allem an Mœbius erinnert hat. Also ab damit auf die Wishlist und warten. Drei Jahre lang. Ohne irgendwas über das Spiel zu wissen, außer „ist hübsch“ und „man klettert und fliegt durch eine Wüstenlandschaft“.

Zumindest diese zwei Erwartungen konnte Sable erfüllen. In Sable begleiten wir eine Figur namens Sable in einer coming-of-age-Story auf einem fremden Planeten. Sobald Jugendliche dort ein bestimmtes Alter erreicht haben, beginnt für sie die Zeit des Gliding, eine Zeit, in der sie ihre Bestimmung im Leben und ihren Platz in der Gesellschaft finden sollen. Das besondere in dieser Phase ist, dass die Personen in der Zeit „gleiten“ können. Das ist bei vielen Kletterpartien von Vorteil und Kinder und Erwachsene können das nicht, weshalb Glider wie Sable auch häufig mit Quests bedacht werden, die andere Personen nicht lösen könnten.

Unterwegs mit dem Hoverbike
Unterwegs mit dem Hoverbike

Ein weiterer Unterschied in dieser Welt ist, dass alle Menschen Masken tragen und es besondere Masken für bestimmte Berufe oder Gilden gibt. Das Ziel des Glidings ist, Masken zu sammeln und sich am Ende auf eine davon festzulegen. Während des Glidings begleitet Sable eine Art semi-lebendiges Hoverbike, mit dem man die fremde Welt erkundet, in der es allerlei zu entdecken gibt, exotische Flora und Fauna, verschiedene Städte und vor allem viele abgestürzte Raumschiffe einer vermutlich fremden Kultur längst vergangener Zeiten.

Die Story

Die Story von Sable gibt nicht viel her, das ist aber nicht schlimm und beabsichtigt. Verlässt Sable einmal ihre Siedlung, kann sie sich komplett frei in der Welt bewegen. Personen, die sie trifft, geben ihr Aufgaben, Sable kann aber tun und lassen, was sie will. Ziel des Glidings ist, zu sich selbst zu finden und Sable ist komplett frei darin, wie sie das tut, welche Quests sie annimmt und welche sie ignoriert. Manche Areale sind erst wirklich erreichbar, wenn Sable etwas mehr Ausdauer hat und länger klettern kann, aber ansonsten kann die Map komplett frei und in beliebiger Reihenfolge erkundet werden.

Gameplay

Das Gameplay besteht in erster Linie aus laufen/gleiten und klettern. Es gibt keine Gegner und keine schwierigen Herausforderungen. Ab und zu muss Sable eine Kletterpassage meistern und in den Raumschiff-Wracks muss sie kleine Rätsel lösen, etwa um die Stromzufuhr zu einer Türe wiederherzustellen. Ansonsten ist Sable ein ruhiges Erkundungsspiel, in dem man sich genau wie die Protagonistin einfach treiben lassen kann.

Sable Screenshot vom Klettern
So sieht es meistens aus, wenn Sable klettert.

Die vielen Quests sind häufig amüsant, wenn man beispielsweise schüchternen Käfern Kot entlocken und diesen einsammeln muss. Das lenkt aber kaum davon ab, dass Quests meist nur daraus bestehen, zu einem Ort zu gehen, etwas einzusammeln und es wieder zurückzubringen. Der Weg zu besagtem Ort ist hier die größte Herausforderung.

Ansonsten sammelt Sable Orden der verschiedenen Gilden, um sie gegen Masken einzutauschen, besorgt sich neue Kleidung, personalisiert ihr Bike und erkundet die mysteriösen Raumschiffe.
Das Erkunden neuer Gebiete ist dabei eigentlich das interessanteste. Es gibt zwar Wegweiser, die sind aber eher nutzlos, daher rennt man blind in ein Gebiet und sucht am Horizont den Ballon eines Kartographen, um von diesem eine Karte des Gebiets zu kaufen. Manche NPCs und auch die Kartographen geben Sable Richtungshinweise zu interessanten Spots, aber auch das bringt nicht viel. Es gibt ein Feature, um nach so einem Hinweis („schau von hier aus nach Nordosten“) aus der Ego-Perspektive einen Marker zu setzen, das wird vermutlich außer beim ersten Tutorial niemand verwenden, weil es einfach nicht funktioniert. Es macht aber eh viel mehr Spaß, einfach durch die Gegend zu laufen und besondere Orte „auf Sicht“ zu entdecken und auf der Map lässt sich auch oft erahnen, wo es etwas interessantes zu sehen geben könnte.

Bugs, Glitches und Abstürze

Jede Menge Bugs

Eigentlich ist Sable recht schnell durchgespielt. Der Grund, wieso dieser Text erst drei Wochen nach Release erscheint, sind die vielen Bugs. Mal hat mich die Geduld verlassen, weil das Spiel zum fünften Mal abgestürzt ist. Mal wollte ich die angekündigten Patches abwarten, die dann doch leider wenig geholfen haben. Sable strotzt vor Framerateeinbrüchen, die Kamera ruckelt, Menüs sind kaputt, Quests nicht absolvierbar, Markierungen und Questmarker sind falsch auf der Map platziert… an einer Stelle erscheint zum Beispiel ein für eine Aufgabe nötiges Energiemodul immer außerhalb des eigentlichen Areals und es lässt sich auch nicht dorthin transportieren. Die Lösung habe ich auch Youtube gefunden: man nimmt das Energiemodul und setzt es in der Wand ab, damit es in den nächsten Raum glitcht.

Ein anderes großes Ärgernis ist das Hoverbike. Das ist eigentlich essentiell für das Spiel, die meiste Zeit war ich dann doch zu Fuß unterwegs. Sable geht hier einen anderen Weg als die meisten Spiele, was eigentlich eine nette Idee ist. Wenn man das Bike ruft, erscheint es nicht plötzlich neben einem, wie das oft bei Pferden und Fahrzeugen in Games ist, nein, es kommt in Echtzeit angeflogen, vom letzten Ort, an dem man es abgestellt hat. Nur funktioniert das nie. Man kann auf der Map schön verfolgen, wo sich das Bike gerade herumtreibt. Meistens bleibt es einfach irgendwo hängen und bewegt sich gar nicht mehr. Manchmal fährt es komplett in die falsche Richtung, weil es den Weg nicht findet. Die Fast-Travel-Funktion behebt das Problem – aber auch nur bedingt.

Das Bike und das Klettern sind die Schlüsselmechaniken des Spiels und gerade die beiden Dinge funktionieren so gut wie gar nicht. Aufgrund der Optik des Spiels sieht man beim Klettern in der Regel eine einfarbige Fläche vor sich. Sable kann an jeder Fläche klettern – aber manchmal auch nicht. Vor welcher der beiden Flächen man gerade steht, sieht man vorher nicht. Sables Ausdauer bestimmt, wie hoch sie klettern kann, aber auch diese Mechanik ist meistens witzlos, ist die Ausdauer leer, bleibt Sable häufig einfach in der Schräge hängen, bis die Ausdauer wieder voll ist, und klettert dann weiter. Da man hier nur die Richtung angeben muss und Sable alles andere von selbst macht, ist auch das eher frustrierend und unnötig, als dass es Spaß bereitet.

Etwas mehr Kontrast wäre nett

Weil »Sable« nunmal wunderschön aussieht (und klingt) habe ich viel Geduld aufgebracht und über all dies hinweggesehen. Mit ein paar Bugs und Glitches kann ich gut leben. Was leider nicht geht, sind die dauernden Abstürze. Ich spiele Sable auf der Xbox Series X und dort stürzt das Spiel manchmal mehrmals pro Minute ab. An manchen Tagen kann ich zwei Stunden ohne Probleme spielen, an anderen stürzt das Spiel schon im Startbildschirm ab. Manchmal lande ich im Xbox-Menü, manchmal stürzt die Xbox komplett ab. Auch jetzt drei Wochen nach Release gibt es keinen Hinweis, dass diese Probleme zeitnah behoben werden würden. (Dass mir jedes Story-Achievement als „ultra selten, nur 2% aller Spieler haben das auch“ markiert wird, lässt mich erahnen, dass es nicht nur mir so geht.)

Fazit

Wenn man drei Jahre lang auf ein Spiel wartet, hat man gewisse Erwartungen. »Sable« ist genauso schön geworden, wie ich gehofft hatte. Allerdings ist es teilweise unspielbar, man hätte sich hier noch ein paar Monate für die ganzen Bugs geben sollen. So unsauber wie Sable auf der Xbox läuft und so kaputt selbst Anfangsquests sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass das Game vor Release überhaupt ordentlich getestet wurde. Meine einzige Erklärung ist, dass Microsoft mit der Ankündigung, Sable würde direkt zum Release im GamePass erscheinen, für ordentlich Zeitdruck bei den Entwicklern gesorgt hat. Das ist echt schade, denn die meisten Spieler werden nicht so viel Geduld haben, werden das Spiel wieder von der Konsole schmeißen oder bei Steam das Geld zurückverlangen und das (hoffentlich) perfekte Sable in ein paar Wochen, nach ein paar Patches, nicht mehr erleben.

Wer diese Review in ein paar Wochen oder Monaten liest, sollte »Sable« eine Chance geben. Sable ist ein Kunstwerk, man will andauernd anhalten, um einen Screenshot zu machen. Gleichzeitig ist Sable ein extrem entspannendes, fast meditatives Spiel, in dem man sich stundenlang verlieren kann. Ein bug-freies Sable hätte für mich Potential zum Spiel des Jahres gehabt.

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Mit-Gründer von Zockwork Orange, Casual Gamer, Assassin's-Creed-Fanboy, Hyrule-Retter. Beendet Spiele oft nicht, schreibt trotzdem drüber.

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