Review: Cities in Motion 9

Review: Cities in Motion 9

Wer kennt das nicht? Man sitzt früh morgens in der überfüllten Straßenbahn, die dann nicht mal direkt bis zum Ziel fährt und man deswegen noch 10 Minuten läuft, oder die Bahn fällt einfach direkt aus, sodass man den wichtigen Termin vergessen kann. Für so einen schlechten Service soll man dann auch noch 3€ bezahlen? Das könnte man selbst doch bestimmt tausendmal besser regeln! In CITIES IN MOTION habt ihr hierzu die Möglichkeit, indem ihr in die Rolle des Managers eines Verkehrsunternehmens schlüpft und die Macht über den öffentlichen Nahverkehr übernehmt.

Die Wirtschaftssimulation aus dem Hause Colossal Order sieht sich ganz in der Tradition von Klassikern wie Transport Tycoon oder Verkehrsgigant, durchaus große Vorbilder die mir damals sehr viel Spaß gemacht haben. Umso gespannter war ich auf CITIES IN MOTION, auch weil gute WiSims echte Mangelware geworden sind und der Publisher Paradox Interactive in meinen Augen für sehr gute Nischenproduktionen von Indie-Entwicklern steht.

In CITIES IN MOTION seid ihr für das Schicksal des Nahverkehrs in Berlin, Amsterdam, Helsinki und Wien verantwortlich. Um den Verkehr und die Umwelt zu entlasten stehen dem Spieler Busse, Straßen- und U-Bahnen, Wassertaxis und Helikopter zur Verfügung, die alle eine unterschiedliche Verfahrensweise und durchdachte Planung benötigen, da man sich sonst schneller im Schuldenturm wiederfindet, als man „Omnibus“ sagen kann. Wer beispielsweise Busse auf zu großen Strecken einsetzt, droht in den Kosten für Treibstoff und der schlechten Presse durch unglückliche Kunden zu versinken. U-Bahnen sind zwar sehr rentabel, aber auch sehr teuer in der Anschaffung und im Betrieb, sodass sich gut überlegt werden muss, ob sich eine weitere Station überhaupt lohnt. Am Besten ist es auf eine Mischung von Bussen, Straßen- und U-Bahnen zu setzen, wobei Letzteres das Herzstück bildet und die anderen beiden als „Zulieferer“ dienen. Schade ist lediglich, dass der Einsatz von Wassertaxis und Helikoptern wenig interessant ist, da beide kaum rentabel und mit den anderen Verkehrsmitteln nur schlecht kombinierbar sind.

Die Komplexität wird dadurch erhöht, dass es verschiedene Bevölkerungsgruppen innerhalb der Städte gibt, die unterschiedliche Ziele haben: Studenten wollen zur Universität, Touristen vom Bahnhof in ihre Hotels und Arbeiter würden gerne auf kürzestem Wege in ihre Fabrik. Mit Hilfe von verschiedenen Filtern lässt sich herausfinden, was die einzelnen Ziele sind, welche aber in den meisten Fällen doch recht ähnlich sind. Gebäude wie Bahnhöfe, Kaufhäuser oder Krankenhäuser sind Publikumsmagneten, an denen sich jeder Spieler leicht orientieren kann. Solche Ziele reichen locker aus um die Kampagne zu schaffen. Apropos Kampagne: So interessant und abwechslungsreich diese auch ist, viele Ziele sind eindeutig zu leicht, oder komplett unsinnig. Wer im Berlin des ersten Szenarios versucht hat die drei Anfangslinien zu verbinden, weiß wovon ich rede. Grundsätzlich bieten die Aufgaben aber, von solchen Ausfällen mal abgesehen, eine gute Übersicht, wo der Spieler seine Linien platzieren kann, denn vor allem in Wien und Berlin verliert man erst mal leicht den Überblick.

Das Spiel verfügt zusätzlich über ein globales Wirtschaftssystem, das auch in die eigene Planung einfließen muss. Leider lässt sich dieses System bestenfalls als rudimentär bezeichnen, denn allzu große Auswirkungen auf die eigene Firma darf der Spieler nicht erwarten. So gibt es zwar Konjunktur und Arbeitslosigkeit, aber beides beeinflusst nur die Toleranz bei Fahrpreisen, Kosten bei Anschaffung und die Zinsen von Krediten. Wer geschickt ist, baut und kauft in wirtschaftlich schwachen Zeiten, muss aber mit weniger rentablen Linien rechnen. Dass es ein solches System gibt, macht die eigene Planung zwar interessanter, aber allzu große Probleme durch eine Weltwirtschaftskrise sollte man nicht erwarten. Die Entwicklung der Stadt ist hingegen schon spannender: Der Spieler hat einen konkreten Einfluss darauf, wie sich eine Stadt entwickeln kann. Baut er eine Straßenbahnlinie zu einem entfernten Einkaufszentrum, kann er nach kurzer Zeit beobachten, dass sich weitere Geschäfte um dieses Gebiet ansiedeln. Mir hat es wirklich Spaß gemacht, solche Belohnungen in Form von Stadtentwicklung festzustellen.

Nun stellt sich die Frage, ob CITIES IN MOTION seinen großen Vorbildern das Wasser reichen kann: ja und nein. Das Spiel ist eine sehr schön gestaltete Simulation, die vor allem im Bereich Komplexität glänzen kann, aber es gibt doch recht viele Punkte, an denen sich der Spielspaß aufhängen kann, vor allem unter Betrachtung des Realismus‘: Von einer Wirtschaftssimulation erwarte ich eine realistische Darstellung der entsprechenden Branche. Wenn allerdings an einer Bushaltestelle 200 Passagiere darauf warten in einen Bus mit 10 Plätzen einzusteigen, nachdem dieser vorher ungefähr einen Monat im Stau stand, dann merkt man doch, dass vieles nicht wirklich passt. Natürlich lassen sich solche Mengen an wartenden Passagieren und die enormen Staus mit einer durchdachten Planung vermeiden, aber diese greift in den meisten Fällen zu spät. Hier würde ich mir eine sehr viel greifbarere Umsetzung des Verkehrsabbaus wünschen, wie es beispielsweise bei der Stadtentwicklung geschieht, vor allem in Amsterdam können durch den Aufbau der Stadt kilometerlange Staus entstehen. Insgesamt hatte ich aber mit dem Spiel sehr viel Spaß und auch solche Wermutstropfen sind zu verschmerzen, wenn man nach langem Nachdenken und Herumprobieren endlich feststellt, dass die neue Straßenbahnlinie doch noch Profit abwirft.

CITIES IN MOTION (PC)
Entwickler: Colossal Order
Publisher: Paradox Interactive
Erscheinungsdatum: bereits erschienen
USK-Einstufung: ab 0 Jahren freigegeben

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CITIES IN MOTION wird sicherlich nicht das Genre wiederbeleben, sorgt aber für einigen frischen Wind. Wer gerne über die Frage grübeln möchte, wie er auch das letzte Dorf gewinnbringend in den Nahverkehr einbinden kann, der wird bei diesem Spiel mächtig Spaß haben. Etwas schade ist die fehlende Balance zwischen den einzelnen Verkehrsmitteln, da ein gut durchdachtes U-Bahn-Netz im Handumdrehen ein Vielfaches von Bussen und Straßenbahnen abwirft, und die stellenweise sehr nervige Blockade von Straßen durch Staus. Ich würde mir dennoch viele weitere WiSims im Stile von CITIES IN MOTION wünschen, denn nach etwas Einarbeitung macht es viel Spaß. Ich habe gelernt, dass ich nicht in der Haut von Stadtwerken und Co. stecken möchte: Dieser Job wäre mir eindeutig zu komplex!

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Frederik Wagner (Redaktion) Job: Student im Master of Education für Geschichte und Englisch Auf ZwO Experte für: PC-Spiele aller Art, hauptsächlich aber Sachen aus den Bereichen RPG und Strategie, bevorzugt rundenstrategisch. Die herumstehende Xbox erweitert das Spektrum um reine Konsolentitel. Hier holt sich Freddi Gaming-News: PCGamer.com Mail: fw [at] zockworkorange [dot] com Twitter: Fredelsloh XBLA: - PSN: - Steam: Fredelsloh Erstes Game: Prince of Persia Liebste Games: Baldur’s Gate II, Planescape Torment, Arcanum, Civilization II, Europa Universalis 3 Liebste Persönlichkeit der Branche: Warren Spector Liebste Game-Figur: Minsk und Boo

9 Comments

  1. Im Zuge von Pascals “Alle Blogger haben sich lieb”-Kampagne, die ganz allein meine Idee war, kurz die Statusmeldung, dass ich mir das Spiel wegen dieses Reviews wahrscheinlich kaufen werde. Bitteschön.

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