Ein Spiel wie eine Herbstnacht: Rain (PS3) 1

Ein Spiel wie eine Herbstnacht: Rain (PS3) 1

Auf dem Herd köchelt die Kürbissuppe, der Rooibos-Tee zieht gerade durch und die Heizung müsste eigentlich mal entlüftet werden, aber was soll’s: Erst mal nur auf Drei stellen! Das Wetter kann sich nicht entscheiden, ob es mich mit den letzten zaghaften Sonnenstrahlen vor die Tür locken oder doch lieber klitschnass machen will. Meine Produktivität war auch schon mal besser und ich fühle mich wie das Lyrische Ich in einem Element Of Crime -Song. Die höre ich sowieso nur im Herbst. Also ab auf mein gemütliches Sofa. Zwar erwartet mich hier auch nur Regen, doch in diesem Fall nur in Form eines Videospiels.

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»Rain« von SCE Studio Japan ist genau das richtige Spiel für diese Jahreszeit, denn es entführt mich in eine düstere, verregnete Noir-Welt im Stile einer französisch-angehauchten Großstadt der zwanziger Jahre, die dazu passend – je nach Situation – mit sanften bis teils aufgeregten Jazzklängen untermalt ist. Als vom Fieber geplagter Junge wache ich des Nachts vom Prasseln des Regens auf und erspähe eine unsichtbare Gestalt vor meinem Fenster, die nur durch den Niederschlag schemenhaft preisgegeben wird. Die Gestalt entpuppt sich als kleines Mädchen, das von einem ebenso unsichtbaren Monster verfolgt wird. Statt in meinem warmen Bett zu bleiben, entschließe ich mich gegen jegliche Vernunft – mutig und von der Neugier getrieben – nach Draußen zu gehen und dem Mädchen zu helfen, nur um dort festzustellen, dass auch ich unsichtbar geworden bin. Ab hier beginnt ein Katz und Maus-Spiel mit den verschiedensten Arten von Monstern, die mir auf der Suche nach dem Mädchen stets dicht auf den Fersen sind oder den Weg blockieren. Während ich unter Markisen, Brückenbögen und Dächern komplett verborgen bin, gibt der Regen meine Position preis und zu allem Überfluss haben die Biester auch noch ein verdammt feines Gehör. Zum Glück lassen sich Umstände und Umgebung zu meinem Vorteil nutzen: Gegner in meinem Weg locke ich z.B. mit einem beherzten Sprung in die größt-möglichste Pfütze von ihrer Position, um dann schnell durch den Regen ins nächste Versteck zu hechten. Ich erklimme Balkone, auf denen mich die Erscheinungen nicht erreichen, verstecke mich in Schränken um Patrouillen abzuwarten oder nehme im schlimmsten Fall einfach meine Beine in die Hand. Eine Möglichkeit, die Monster zu bekämpfen, gibt es nicht. Eine bloße Berührung mit den nächtlichen Schrecken setzt mich zum letzten Checkpoint zurück, die aber sehr großzügig gesetzt sind und so nie Frust entstehen lassen.

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»Rain« ist ein eher klassisches Stealth-Spiel mit einigen Platformer-Passagen und hat letztlich spielerisch nicht unbedingt viel Neues zu bieten. Das „Spiel mit Licht und Schatten“ wurde lediglich mit dem von Regen und Unterschlupf ersetzt und für geübte Spieler mag Rain fast schon zu einfach sein. Dieser Umstand ist aber so weit gar nicht schlimm, denn Atmosphäre und Setting sind stets stark genug, um mich bei Laune zu halten. Die labyrinthisch-wirkende Spielwelt und die in ihr vorkommen Handlungsorte – samt einer Escher-mäßigen Traumwelt – wirken trotz Linearität bedrückend und teilweise aussichtslos, doch irgendwo lässt sich dann doch immer noch ein Schlupfloch und somit ein Weg zum Entkommen finden. »Rain« möchte wie ein Fiebertraum wirken, bleibt dabei aber dennoch ruhig und unaufgeregt, bricht zum Glück recht schnell mit der anfänglich angedeuteten Damsel-in-Distress-Story und entwickelt sich zu einer Geschichte über eine unvorhersehbare Freundschaft um mutige Kinder, die sich ihren Ängsten entgegenstellen und es stets schaffen, diese zu überlisten. Am Ende bleibt Story-technisch viel Raum für Spekulation und Theorien. Kurz und knapp: Ein Titel, an dem es tatsächlich kaum Kritikpunkte gibt und mit einer Spielzeit von ca. drei Stunden die perfekte Beschäftigung für einen verregneten Herbstabend bietet. Schmeißt den Wasserkocher an, wählt euren Lieblingstee, macht’s euch unter der Decke gemütlich und lasst euch von der Atmosphäre einsaugen. Was Rain vielleicht spielerisch nicht bieten kann, macht es nämlich durch diese locker wieder wett.

Plattform: PlayStation 3 (PSN) Preis: 12,99€


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