Durch die Nacht mit Daryl and Merle Dixon. 0

Durch die Nacht mit Daryl and Merle Dixon. 0

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Seien wir doch mal ehrlich: Zombies waren einst spannende Film- und Spielemonster, doch haben sie durch ihre gegenwärtige Überpräsenz gewaltig an Reiz und vor allem auch an Schrecken verloren. Klar, ich schaue auch trotz der schwächelnden letzten Staffel immer noch gerne AMCs »The Walking Dead«, doch geht es hier schließlich weniger um die Zombies selbst und ihr blutiges, zweites Dahinscheiden, als mehr um das Verhalten der Überlebenden in dieser absoluten Ausnahmesituation. Diesen Ton der Comicvorlage und Serie schaffte Telltale im letzten Jahr mit ihrem gleichnamigen Adventure aufzugreifen, welches zwar nach außen mehr versprach als es letztlich bieten konnte, doch als „spielbare Graphic Novel“ immer noch ein verdammt gutes Bild abgab. Da man die sprichwörtliche Milchkuh natürlich nicht mit dickem Euter im Stall stehen lässt, war es nur eine Frage der Zeit, bis man auch für Fans stumpfer Metzelei einen Titel auf den Markt werfen würde, der den Fokus weg von Geschichte und Charakterentwicklung, hin auf Bodycount und Blutfontänen setzen würde.

Activision spielt den Bauern und brachte Ende März das von Terminal Reality entwickelte »The Walking Dead: Survival Instinct“ heraus, in dem ich als Spieler in die Rolle des Seriencharakters Daryl Dixon schlüpfe und mich in den ersten Tagen der Zombie-Epidemie durch den Südosten Georgias schlagen muss. Klingt doch eigentlich gar nicht so schlecht, denn schließlich hat sich Daryl mittlerweile zu einem der interessantesten Charaktere gemausert, der über die drei TV-Staffeln vom Nazi-Hillbilly zu einem echten Sympathieträger wurde. Leider wird Survival Instinct dem eigentlich interessanten Charakter nicht gerecht, denn für mehr als pseudocoole One-liner hat es dann leider doch nicht gereicht und so flach wie die Charaktere, bleiben auch Story und Gameplay. Dabei gefallen mir sogar einige Ansätze durchaus gut, aber alles der Reihe nach.

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Adios, war schön mit dir.

Zu Beginn werde ich Zeuge des Ablebens von Papa Dixon, der sich einer schieren Übermacht an Walkern nicht mehr entgegensetzen kann. Daryl und sein Onkel Jess beschließen die Zelte abzubrechen, um sich im Süden auf die Suche nach Merle zu machen und nebenbei möglichst viele Vorräte zu plündern. Glaubt es oder nicht, das war’s dann auch schon mit Story. Sie ist schlicht und einfach nicht vorhanden. So hangelt sich »Survival Instinct« von kurzem Levelareal zum nächsten. Ich plündere Polizeistationen, Krankenhäuser und Tankstellen. Immer wieder. Langeweile pur. Unterwegs treffe ich Überlebende, die eine kurze, meist völlig banale Geschichte erzählen und ich kann sie, wenn ich z.B. eine optionale Nebenmission erledige, in mein Team holen. Die Idee sich eine eigene Gruppe von Überlebenden aufzubauen gefällt mir gut, doch leider ist die Umsetzung komplett bescheuert. Zwischen den einzelnen Missionen kann ich ihnen im Team-Menü Aufgaben zuteilen. Entweder bleiben sie im Auto, wenn sie z.B. angeschlagen sind oder ich kann sie auf die Suche nach Vorräten, Benzin oder Munition schicken. Sobald sie einmal in meiner Gruppe sind, dienen sie nur als Suchhunde und sind nicht mehr als leblose Pappfiguren. Aktiv am Geschehen nehmen sie nicht teil. Ihre Suche liefert nur ein zufällig bestimmtes Ergebnis nach jedem Level. Es gibt ein Risiko, dass sie von ihrer Mission nicht lebend wiederkommen? Mir doch egal, ich kenn die doch gar nicht. Im Auto ist kein Platz mehr, also muss ich einen der Überlebenden zurücklassen? Mach’s gut, ein schönes Ableben noch! Merle hingegen ist zwar in der Gruppe, spielt aber außer in Cutszenes überhaupt keine Rolle. Er ist weder spielbar, noch kann man ihn auf Missionen schicken.

Moralische Entscheidungen, wie man sie in Telltales Adventure Interpretation findet, gibt es nicht. Lediglich an einer mir bekannten Stelle, in einem Krankenhaus, stellt mich »Survival Instinct« vor die Wahl, ob ich mit Vorräten verschwinden will oder einem Typen helfe, der einer verrückten Ärztin als Versuchskaninchen herhalten soll. Konsequenzen hat das im Grunde keine. Alles bleibt dünn und uninteressant, banal und stupide.

Shooter? Schleicher? Was wollt ihr denn von mir?

twd_zombieWährend die Kämpfe gegen einzelne Untote völlig langweilig sind – einige Treffer mit dem Standardmesser reichen – fehlt Daryl die Möglichkeit sich gegen Gruppen zur Wehr zu setzen. Eine Begegnung mit mehr als drei Zombies endet so in der Regel also recht fix im Ladebildschirm. Kommen sie zu nah, löst eine Art Nahkampf-Sequenz aus. Hier ziele ich per Analogstick auf den Kopf und muss im richtigen Moment mit dem Messer zustechen, das funktioniert zwar recht gut, macht aber leider überhaupt keinen Spaß. Sicherlich geht von der Stärke in der Masse die Hauptgefahr von Zombies aus, doch soll ein Spiel mir auch gefälligst Möglichkeiten geben, mich vernünftig der Bedrohung zu entledigen. Klar, es gibt Schusswaffen, aber die sind dank ihrer Lautstärke natürlich völlig unbrauchbar, denn jeder Schuss lockt weitere Walker an. Aber hey, immerhin da ist man der Vorlage treu geblieben. Die Optionen sind also Schleichen um die Untoten so lautlos von hinten zu erledigen oder einfach durch einen Abschnitt des Levels durchrennen, um sie abzuhängen. Ja, Letzteres funktioniert tatsächlich an einigen Stellen ziemlich gut und macht die Zombie-Bedrohung völlig hinfällig. Später im Spiel finden sich dann endlich bessere Nahkampfwaffen, die Umgehungstaktik funktioniert dennoch wesentlich besser. Walker bleiben dazu oft an Objekten hängen und flüchte ich z.B. auf ein Auto, kann ich ihnen von oben gemütlich ihr zweites, endgültiges Ableben bescheren, ohne auch nur einen Treffer zu kassieren. Ach ja, man kann Zombies auch mit geworfenen Objekten ablenken. Funktioniert nur leider nicht richtig. In allen meinen Versuchen die Untoten mit Flare-Täuschkörpern abzulenken, fand ich sie im nächsten Moment auf mich zuhinken, anstatt wie Motten dem Licht entgegen.

Genug ist genug.

Ich gebe zu, als ich diese Zeilen schreibe, habe ich ca. fünf Stunden in das Spiel investiert und mir fehlt wirklich jegliche Motivation weiterzumachen. Normalerweise vertrete ich den Grundsatz, ein Spiel auch durchgespielt haben zu müssen, bevor ich meine Meinung abgebe, aber bei dieser Granate sehe ich mich dazu nicht in der Lage. Nichts an diesem Spiel fesselt mich so, als dass ich noch eine Minute länger darin verbringen will. Es ist das perfekte Beispiel dafür, was bei Triple-A Titeln gerade alles falsch läuft. Release passend zum Staffelauftakt der TV-Serie und kurz nachdem Telltales The Walking Dead noch in aller Munde ist. Es versagt als Lizenzprodukt. Es versagt als Shooter. Es versagt als Survival-Horror. Es versagt, darin eine Geschichte zu erzählen. Es versagt darin, Charaktere zu beleuchten. Es versagt darin, Atmosphäre zu erzeugen. Es versagt, mich als Spieler zu motivieren. Es versagt darin, mich wieder für das Zombie-Genre zu begeistern. tl;dr: Finger weg!

Wem meine Meinung noch nicht reicht, der sollte sich unbedingt Angry Joes Review auf YouTube ansehen. Der fasst das ganze noch mal mit Videomaterial passend zusammen und geht noch genauer auf das Gameplay ein.


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