Die Mysterien von Zeit und Verfall: Lilly Looking Through 7

Die Mysterien von Zeit und Verfall: Lilly Looking Through 7

lilly_screen01

»Lilly Looking Through« ist das Projekt des Ehepaars Steve und Jessica Hoogendyk vom noch jungen Studio Geeta Games. Das Adventure erreichte Anfang 2012 auf Kickstarter fast das Doppelte des benötigten Fundings, was zumal der kleinen Renaissance, die das Genre gerade erlebt, und dem illustren Ensemble von Mitwirkenden – bestehend aus u.a. ehemaligen Entwicklern der Myst-Reihe und Pixar-Mitarbeitern – sicherlich keine Überraschung ist.

Die titelgebende Heldin Lilly muss sich auf eine Reise durch eine vom Verfall gezeichnete, surreale Welt machen, nachdem ihr kleiner Bruder sich in einem mysteriösen roten Schal verfing und von einer Windböe mitgerissen wurde. Ihr wichtigstes Utensil während der Rettungsaktion ist eine seltsame Fliegerbrille, mit der Lilly nicht nur durch die Zeit sehen, sondern die Vergangenheit auch verändern kann. In einer Ray Bradbury-Geschichte hätte dieses Eingreifen in die Zeit wohl fatale Folgen, doch hier lässt es Bäume über vorher unüberwindbare Schluchten wachsen oder kaputte Maschinen wieder funktionsfähig werden. Statt sich frei durch eine Welt zu bewegen, wie es in anderen Vertretern des Genres üblich ist, stolpert Lilly hier von einer kniffligen Situation in die nächste. Einen Weg zurück gibt es nie. Von den einzelnen „Stages“ gibt es durch die Mechanik der Brille immer eine Gegenwarts- und eine Vergangenheitsversion, zwischen denen Lilly hin und her wechseln muss, um Rätsel zu lösen und Hindernisse zu überwinden.

lilly_02

Die Interpretation von Geschichte und Welt wird stets dem Spielenden überlassen. Eine Erklärung für den Verfall, die rätselhaften Maschinen und die mysteriöse Zeitreise-Brille fehlen durch Wegfall von Erzähler und Dialogen. Einige interessante Wendungen und Begegnungen werfen mehr Fragen auf, als dass sie beantworten. Dies lässt zwar Spielraum für Fantasie und eröffnet den Entwicklern gleichzeitig die Möglichkeit, die Geschichte gegebenenfalls in weiteren Teilen zu vertiefen und/oder aufzuklären, aber durch ein leicht enttäuschendes sehr offenes Ende ist dies auch gleichzeitig mein größter Kritikpunkt. Ein paar Antworten wären schön gewesen. Was ist mit der Welt passiert? Woher kommt die Brille, was hat es mit dem Schal auf sich und ist es überhaupt ein Schal? Die Stärke von »Lilly Looking Through« liegt dafür aber sicherlich in der detailreichen und bezaubernden Zeichentrick-Optik, die direkt einem alten Disney-Film entsprungen sein könnte. Ja, ich wage gar an dieser Stelle zu behaupten, dass es das schönste Adventure der vergangenen Jahre ist. Alle Szenen sind liebevoll gestaltet und dazu mit einem fantastischen Soundtrack unterlegt, der die Atmosphäre der surrealen Welt perfekt aufgreift.

Während die Optik eher ein Adventures à la »Monkey Island« vermuten lässt, sind die Rätsel aber tatsächlich mehr von Klassikern wie »Myst« und »Riven« inspiriert. So müssen vor allem Mechaniken analysiert und verstanden und hier und da Veränderungen in der Vergangenheit vorgenommen werden. Die Rätsel sind knifflig, aber nie zu schwer und basieren stets auf Logik. Das macht Spaß, kann – wenn man ein kleines Detail übersieht – aber auch hier und da frusten, was allerdings nie dem Spiel, sondern einem selbst anzukreiden ist. Ein Inventar und somit Gegenstände zum Einsammeln und Kombinieren gibt es genauso wenig wie Dialogrätsel. Die Steuerung ist teils ein bisschen umständlich und gewöhnungsbedürftig. Lilly kann die einzelnen Stages nicht frei erkunden, sondern nur die Hotspots besuchen, die Teil eines Rätsels sind. Dazu kommt: Nicht alle Gegenstände sind von ihr direkt benutzbar. Einige kann nur der Spielende mit der Maus aufnehmen und bewegen. Dies zerstört hier und da ein bisschen die Atmosphäre und hätte sicherlich schöner gelöst werden können.


Youtube-Videos sind im „privacy enhanced mode“ eingebunden, erst beim Abspielen werden Daten an Youtube übertragen. Beim Abspielen stimmst du dem zu, mehr Informationen findest du in unserer Datenschutzerklärung.

Mit einer Länge von geschätzten vier bis fünf Stunden, ist »Lilly Looking Through« ein wunderbarer Titel für diese Jahreszeit, wenn’s draußen mal wieder stürmt und sich ein paar Stündchen auf dem Sofa anbieten. Lillys Abenteuer erschien bereits letzten Donnerstag für Windows und MacOS auf Good Old Games oder Steam und ist mit rund 8€ jeden Cent wert. Ich bin entzückt!

Previous ArticleNext Article
Daniel (Redaktion) Job: Referendar Auf ZwO Experte für: Indie Games, Aufbau-Strategie, DotA 2 Hier holt sich Daniel Gaming-News: GameInformer Erstes Game: Super Mario Land 2 Liebste Games: Cities Skylines, Prison Architect, DotA 2, PUBG, Civilization Liebste Persönlichkeit der Branche: Braucht man die? Liebste Game-Figur: Meepo

7 Comments

  1. Hab das beim Elektronik- und Drogeriemarkt im Regal gesehen. Der Publisher hat mich ein bisschen abgeschreckt. Die haben auch ein paar seltsame Dinge rausgebracht. Nach dem Lesen des Artikels kommt das Spiel aber gleich auf die Steam-Wunschliste. Dankeschön.

  2. ;-) Die Plastikbox ist in einer Pappbox, die man vorne aufklappen kann. Aus dem Deckel ist eine Öffnung ausgestanzt, wo man auf die Lilly dahinter durchschauen kann. Wirklich sehr hübsch. Aber mir wären die 20€ (!) auch zu viel, vor allem wenn es wirklich so kurz ist. Außerdem hab ich keinen Platz mehr für hübsche Boxen. :-(

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: