Assassin’s Creed Syndicate – London Calling 4

Assassin’s Creed Syndicate – London Calling 4

Ich liebe Rom und überhaupt italienische Städte und Landschaften, was mit ein Grund dafür war, weshalb die Ezio-Teile immer meine Favoriten der »Assassin’s-Creed-Reihe« bleiben werden. Ich liebe aber auch London, weshalb ich große Hoffnungen hatte, Ubisoft hätte mit »Assassin’s Creed Syndicate« mal wieder einen Teil geschaffen, der mich richtig vom Hocker haut. Leider hat Ubisoft es auch mit dem achten Konsolentitel nicht geschafft, über ein „mittelmäßig“ hinauszuwachsen. Es gibt kaum Fortschritte, einige Rückschritte und die nicht vorhandene Story verleitet mich auch nicht gerade, ein Loblied auf das neuste Assassinen-Abenteuer zu singen.
Doch von vorne:

Die Story ist wie eingangs erwähnt kaum vorhanden. Kannte man die Assassinen-Bruderschaft einst als eingeschworene Gruppe mit festen Regeln, wird das in Syndicate komplett über den Haufen geworfen, um Platz für die sinnloseste Story und Charaktermotivation zu machen, die ich in den letzten Jahren in einem Videospiel erlebt habe. Wir spielen die Zwillinge Jacob und Evie – die beiden sind in der englischen Stadt Crawley stationiert, in London herrschen die Templer, Assassinen trauen sich da nicht hin. Das stinkt Jacob und kurzerhand desertieren beide und hauen ab nach London. Dort erzählen sie Henry Green, dem einzigen Assassinen in ganz London, sie seien auf offiziellem Auftrag dort, um die Stadt an der Themse zu befreien. Kann ein Assassine so leichtgläubig sein? Nehmen Assassinen das so hin, wenn ihre Mitglieder desertieren und auf eigene Faust Unruhe stiften? In London hat Jacob dann die grandiose Idee, die Templer Stadtteil für Stadtteil in Gangkriegen zu besiegen. Er wollte schon immer Ganganführer sein und seine Gang müsse unbedingt The Rooks heißen. Warum? Das erfahren wir nicht, genau wie so vieles andere auch nicht, zum Beispiel, wer der Vater der beiden ist, den sie so oft erwähnen, über den man dennoch nichts erfährt.
Die gesamte Story lässt sich also folgendermaßen zusammen fassen: zwei Assassinen gehen auf eigene Faust nach London, treffen da ganz viele nette Menschen (Darwin, Bell, Dickens Marx…), gründen eine Gang und bekämpfen die Templer. Nebenbei gibt es natürlich noch ein Artefakt, dass beide Fraktionen haben möchten.

Assassin's Creed Syndicate: Evie

Das Gameplay von »Assassin’s Creed Syndicate« ist mehr oder weniger unverändert. Wir besitzen nun eine Art Enterhaken, mit dem man sich mit einem Knopfdruck auf Dächer ziehen, oder von Dach zu Dach schwingen, kann. Nie wieder mühseliges Klettern, yay. Aber Moment: war das nicht eine der Schlüsselmechaniken der Assassin’s-Creed-Reihe?
Es gibt dieses Mal keine Stadt, kein Café, kein Schiff, das man upgraden muss. Das Assassinen-Hauptquartier ist hier ein Zug, der leider nicht aufgerüstet werden kann und eigentlich auch nicht viel macht, außer im Kreis zu fahren. Upgraden kann man dieses Mal seine Gang, die Rooks, und auch Jacob und Evie haben einen ausführlichen Skilltree, der sich in Kampf, Schleichen und Ökosystem unterteilt. Jacob soll besser kämpfen können, Evie besser schleichen, im Grunde unterscheiden sich die beiden kaum und man hat sowieso relativ schnell beide maximal aufgelevelt. Jeder hat am Ende des Skilltrees ein paar Eigenschaften, die der andere nicht lernen kann, das wars. So kann Evie beispielsweise unsichtbar werden, wenn sie im Schleich-Modus innehält und sich nicht rührt.

Assassin's Creed Syndicate: Evie Frye ist Invisible Woman

Interessanter sind die sogenannten Gang-Upgrades, die nicht nur die Rooks betreffen. Es kann deren Ausbildung, die Waffen und die Kutschen verbessert werden, man kann hier aber auch Gegner schwächen, die Polizei bestechen und zu guter Letzt: neue Einnahmequellen erschließen. Das sollte man tatsächlich zu Beginn machen, denn alles kostet Geld, vor allem Inventar, Kleidung und Waffen. Das kostet dann auch noch bestimmte Ressourcen, die man in Schatztruhen finden kann oder für Erfüllung bestimmter Aufgaben bekommt. Die meiste Zeit rennt man herum, befreit Bezirke, indem man dort Kinder aus Fabriken rettet, Ganghauptquartiere platt macht oder Anführer als Geisel nimmt und bei der Polizei abliefert. Oder man hilft den zahlreichen Personen, denen man zufällig über den Weg läuft, so wie Karl Marx oder Charles Dickens. Das Hauptziel ist natürlich, den Templerchef zu erledigen und vor ihm das mysteriöse Artefakt zu finden. Das ist übrigens auch das Ziel in der mittlerweile kaum noch vorhandenen Rahmenstory. Herauszufinden, wo das Artefakt versteckt ist, bevor es die Templer finden.

Assassin's Creed Syndicate: Enterhaken
Mit dem Haken ist man in 3 Sekunden auf dem Big Ben. Kein lästiges Klettern mehr

Die Rahmenhandlung

Erinnert ihr euch an Desmond? Die Rahmenhandlung wurde oft kritisiert, viele Spieler haben es nicht verstanden und infolge dessen wurd es immer mehr abgespeckt. In »Unity« konnte man als Spieler in der „Gegenwart“ den Animus nicht mehr verlassen, war nur noch stiller Zuschauer. In »Syndicate« ist es nicht viel anders, die Gegenwart/Zukunft ist in ein paar Cutscenes zu sehen, Einfluss darauf hat man keinen und verstehen kann man auch kaum, was vor sich geht. Das Ende ist absolut verwirrend und wenn man einen optionalen Teil der Hauptstory nicht gespielt hat, ist es komplett unverständlich. Und das ist nicht das einzige Mal im Spiel, dass Cutscenes komplett aus dem Zusammenhang gerissen scheinen. Häufig war mir nicht klar, was passierte, mir fehlten die Zusammenhänge und letztendlich machte ich die Missionen in irgendeiner Reihenfolge, ohne wirklich der Geschichte folgen zu können. Vieles wirkt mit heißer Nadel gestrickt, Teile passen nicht zusammen und Dinge wie die unvermeidliche Romanze werden in den Story-Topf geworfen, ohne wirklich nachvollziehbar zu sein oder der Story irgendetwas zu bringen. Es hat den Anschein, als hätte hier ein Dutzend Teams getrennt voneinander Teile des Spiels gebastelt und am Ende hat es jemand zusammen geklebt, ohne sich das Ergebnis noch mal anzuschauen. Dass man die Erinnerungen zum Teil in beliebiger Reihenfolge machen kann, hilft dem ganzen überhaupt nicht. Ein Beispiel: Evie in einer Erinnerung vergiftet, muss schnell zurück. „Alexander Bell weiß sicher, was das für ein Gift ist!“
Panik, man muss rennen, alles auf Zeit, kommt bei Bell an – Cutscene – alle gesund, keine Erwähnung mehr von irgendeinem Gift. Das mögen Kleinigkeiten sein, aber es fehlte mir generell an der Kontinuität, nichts passte richtig zusammen, viele kleine Fetzen, die sich partout nicht zu einem Ganzen zusammen fügen wollten. Und das ist schade.

Assassin's Creed Syndicate: Bob geht's gut
Bob geht’s gut, keine Sorge

Ist »Assassin’s Creed Syndicate« ein schlechtes Spiel? Nein, das ist es sicher nicht. Trotz des Gemeckers hatte ich Spaß. Ich hab die ganzen Sammelaufgaben gemacht, hab die Stadt erkundet, bin geschlichen und hab gekämpft. London ist zu der Zeit nicht die schönste Stadt gewesen, aber es macht Spaß, herumzulaufen, auf den Big Ben (ja, die Glocke heißt so, nicht der Turm. Ihr wisst, was gemeint ist.) zu klettern, durch die Themse zu schwimmen, an illegalen Fight Clubs und Kutschenrennen teilzunehmen…
Die Story war mir egal und auch zu den Hauptfiguren konnte ich keinen Bezug entwickeln. Dass man zwischen den beiden wechseln und ausnahmsweise eine Frau spielen kann, ist ein netter Bonus. Wenn man vergisst, dass es das achte Spiel der Reihe ist, könnte man es sogar loben. Für jeden ohne Erinnerungslücken ist es ein neuer Aufwasch des immer gleichen Prinzips. Nichts hat sich verändert, es gibt keine Innovation, und das seit Jahren schon. Grafisch ist Assassin’s Creed langsam in der „current gen“ angekommen, aber das sollte selbstverständlich sein und ist keine Errungenschaft. Bugs und Glitches hatte ich auf der Xbox One allerdings keine. Woher die ganzen Funde immer kommen, ist mir ein Rätsel, das ist also ein kleiner Pluspunkt. Da »Assassin’s Creed Syndicate« schon kurz nach Release nur noch 50 Euro gekostet hat, kann man sich das gut holen und in die Konsole schieben, nicht nur als Fan der Reihe. Denn schlecht ist Syndicate, für sich alleine betrachtet, nicht. Mal von den Lücken in der Story abgesehen. Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass man für die 50 Euro nicht viel mehr als einen Assassin’s-Creed-DLC bekommt, der einen Enterhaken, einen spielbaren, weiblichen Charakter und eine neue London-Map beinhaltet. Günstig ist es wohl, weil Spieler Ingame Geld, Ressourcen und Erfahrungspunkte kaufen können, und das mit echtem Geld. Das mag manche stören, aber da man das überhaupt nicht benötigt, ist das für mich kein ausschlaggebender Kritikpunkt. Der weggelassene Multiplayer mag ebenfalls für manche ärgerlich sein, ich fand es nicht schlimm, auch wenn ein lokaler Koop in einem Spiel mit zwei Protagonisten perfekt gepasst hätte. Insgesamt ist es einfach schade, wenn man als Fan mit ansieht, wie eine Reihe absolut stagniert und sich kein bisschen weiterentwickelt. Ganz habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, mal sehen, was der neunte Teil bringen wird, der erscheint dann ja auch schon in 11 Monaten.

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Mit-Gründer von Zockwork Orange, Casual Gamer, Assassin's-Creed-Fanboy, Hyrule-Retter. Beendet Spiele oft nicht, schreibt trotzdem drüber.

4 Comments

  1. Seltsam, dass sie sich überhaupt noch an einer Story versuchen. Diese fragmentierte Erzählweise gibt es afaik bereits seit den Ezio-Teilen und hat mich mal mehr, mal weniger gestört. Besonders schlimm fand ich nur Teil 3, in dem ich bspw. einmal gaaaaanz schnell einen Angriff auf ein Indianerdorf aufhalten musste – nur um dann in der Cutscene ein „6 Monate später“ eingeblendet zu bekommen.

    Meh, no more Assassins for me.

    1. Ich fand die Ezio-Teile super. Vielleicht braucht es eine Trilogie, um eine vernünftige Story zu erzählen. An Teil 3 war so viel falsch… da hab ich nur das „Intro“ gespielt, was ja ca. 5 Stunden ging, bis man den Hauptcharakter (der, der auf dem Cover ist) überhaupt mal sieht. Black Flag war okay und mal was anderes (Schiffe und Meer statt Stadt), Unity hat sich dann wieder sehr an Ezio orientiert und war okay, aber nicht gut. Syndicate ist Unity, mit anderer Stadt und einer Schwester dabei. Und keinem Café. Und es gibt eine Gang statt der „Brotherhood“ aus Brotherhood… es dreht sich alles im Kreis und geht nicht vorwärts. Auch die „Glitch-Erinnerung“ aus Unity gibt es wieder. Wollte ich im Artikel nicht spoilern. Die ist aber optional, was sie noch witzloser macht.

  2. Hm, bin schon mit Unity nicht warm geworden und habe es irgendwann nicht mehr weitergespielt, obwohl ich ein großer Assassin’s Creed Fan bin. Ich glaube, Syndicate werde ich mir deshalb erst einmal nicht holen. Die Ezio-Trilogie ist für mich auch immer noch das Highlight. Die habe ich sogar mehrfach gespielt. Auch bei Black Flag könnte ich mir vorstellen, das nochmal anzufassen. Alles andere …. eher nö …
    Außerdem hört es sich so an, als würde das Spiel in ein Rollenspiel abgleiten. Nichts gegen Aufleveln, aber wenn ich mich stundenlang mit Skillbäumen beschäftigen muss, ist das nicht so mein Fall.
    Naja, mal sehen. Vielleicht habe ich ja doch irgendwann Bock, es zu spielen.

    1. Kann ich nachvollziehen. Bei der Gang ergibt das Auflevel ja auch Sinn, die bildet man ja aus, aber dass die Assassinen am Anfang gar nichts können ist irgendwie komisch. Zumal ihr Vater Assassine war und sie sicher ausgebildet hat und sie schon vor London als Assassinen tätig waren. Ich fand das jetzt nicht so schlimm, kann aber verstehen, wenn man das nicht mag. Wenn du mit Unity nicht warm wurdest, lass Syndicate sein. Bis auf die andere Stadt (und London in der Zeit war wirklich nicht so schön) und die spielbare Schwester hast du hier nichts neues.

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