Witch It! 0

Weit davon entfernt "Bestes internationale Multiplayer-Spiel" zu sein

Gleich drei Preise räumte »Witch It!« beim Deutschen Computerspielpreis 2018 ab: Bestes deutsches Spiel, Bestes Jugendspiel und Bestes internationales Multiplayer-Spiel. Konnte ich die Entscheidungen schon während der Verleihung nicht nachvollziehen, so stellen sich mir nach einem Abend mit »Witch It!« erst Recht Fragen – besonders was den Preis für das beste internationale Multiplayer-Spiel angeht.

Generell bietet der DCP ja eine große Angriffsfläche für Kritik: Da wären etwa die nicht transparenten Jury-Entscheidungen. Da wäre die Tatsache, dass Spiele, die sich im Early Access befinden, prämiert werden. Oder die Tatsache, dass die Begründungen für den Gewinn klingen wie Werbetexte einer Verpackungsrückseite. Hier mal als Beispiel die Urteilsbegründung für »Witch It!«:

»Das Versteckspiel gehört sicherlich zu den ältesten analogen Mehrspieler-Prinzipien der Menschheit. In »Witch It!« wird dieses Prinzip – Suchen und Verstecken – endlich auch in einem Multiplayer-Online-Game marktreif und bereits jetzt erfolgreich umgesetzt. Inspiriert wurde das Spiel durch beliebte Konzepte aus der Szene der Game-Mods, also nutzergenierierten neuen Spielideen auf Basis vorhandener Spielmechaniken. »Witch It!« kombiniert das vergnügliche Prinzip des Versteckspiels mit einer humorvollen, zauberhaft gestalteten Welt mit überraschend wandelbaren und skurrilen Figuren.«

In der Multiplayer-Kategorie ist »Witch It!« gegen die beiden Spiele Monster Hunter: World sowie Splatoon 2 angetreten. Zu Monster Hunter kann ich nichts sagen, aber »Witch It!« als ein besseres Multiplayer-Spiel als Splatoon 2 zu bezeichnen ist eine krasse Fehlentscheidung und lässt mich stark anzweifeln, wie der DCP Multiplayer definiert – denn in meinen Augen fehlt »Witch It!« fast alles, was einen guten Mehrspieler-Titel ausmacht.

Digitales Versteckspiel – mit allen Schwächen

»Witch It!« ist, wie oben bereits zitiert, Verstecken-Spielen in digitaler Form, mit der Erweiterung, dass sich die versteckenden Hexen in beliebige Gegenstände verwandeln können und die suchenden Jäger unterschiedliche Tools zur Hand haben, um verwandelte Hexen aufzuspüren. Der größte Makel des Spiels ist seine zugrundeliegende Mechanik, denn bereits beim analogen Versteckspiel sind es maximal die Suchenden, die sich koordinieren – als Versteckender versucht man selber einfach nur so lange wie möglich unentdeckt zu bleiben.

Da hilft es auch nicht, dass mit Team Hexe und Team Jäger zwei Teams gegeneinander antreten und am Ende eine Siegerin feststeht, denn gerade der Sieg von Team Hexe ist keine Teamleistung, sondern lediglich die Summe aller Einzelleistungen. Auf Seiten der Jäger wird vor allem die Karte penibelst abgegrast, denn jeder Gegenstand könnte eine Hexe sein – Spielerisch ist ein Sieg damit mit frühen Command & Conquers vergleichbar, wenn man die gesamte Spielkarte nach der letzten verbliebenen Einheit durchforstet hat.

Zwar bietet das Spiel unterschiedliche Loadouts, diese bestehen jedoch, vor allem bei den Hexen, hauptsächlich aus Vorteilen für die eigene Spielfigur – Fähigkeiten, die dem gesamten Team was bringen, fehlen. »Witch It!« fehlt somit jegliche taktische Tiefe, die die Aufteilung in die Teams irgendwie gerechtfertigt. Dazu kommt, dass das Spiel keinerlei Möglichkeiten zur Hand gibt, um gemeinsam agieren zu können. Weder gibt es einen integrierten Voice Chat, noch ist es möglich mit Freunden zusammen ein Squad zu bilden, um auch tatsächlich zusammen spielen zu können.

Verhextes Balancing

Von einem Spiel, das den Preis „Bestes internationales Multiplayer-Spiel“ verliehen bekommt, würde ich erwarten, dass es mindestens sehr gut gebalanced ist – doch davon ist »Witch It!« wirklich noch weit entfernt. In jeder Partie sind die Hexen hoffnungslos im Vorteil und von zehn Runden geht vielleicht eine Runde an die Jäger. Das liegt daran, dass es erheblich einfacher ist, in seinem Versteck zu sitzen und nichts zu tun, als die Hexennadel im Heuhaufen zu finden.

Zu guter Letzt fehlt dem Spiel Spannung. Eine Runde dauert zwar nur vier Minuten, als Hexe können das aber manchmal sehr lange vier Minuten werden, weil es wenig Ereignisse gibt, die mich dazu zwingen, meine Position zu wechseln – man stelle sich etwa vor, PUBG und Fortnite hätten einfach die Zone bzw. das Auge des Sturms weggelassen. »Witch It!« hat keine Meta-Spielmechanik, bräuchte aber dringend eine, um die Schwächen der zugrundeliegenden Spielmechanik auszugleichen.

Fazit

»Witch It!« ist meiner Meinung nach weit davon entfernt ein gutes Mehrspieler-Spiel zu sein und erst Recht weit davon entfernt als „Bestes internationales Multiplayer-Spiel“ prämiert zu werden. Es gibt kein Teamgefühl, keine gemeinsame Aufgabe, die bewältigt werden will, keinen Grund in Teams aufgeteilt zu werden. Das Ganze fühlt sich an, als würde man in einem beliebigen Shooter Team Deathmatch spielen, aber es spielt trotzdem jeder für sich. »Witch It!« hat durch den DCP viel Geld bekommen. Ich hoffe, sie setzen es ein, um aus dem Spiel noch einen guten Mehrspieler-Titel zu machen.

Transparenz-Hinweis: »Witch It!« wurde uns von Daedelic per Steam-Key kostenlos zur Verfügung gestellt.

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Dominik mag Storyspiele und Shooter und findet die meisten Open World- und Grinding-Mechaniken ganz furchtbar.

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