ZwO fragt nach: Die Spieleindustrie und der JMStV 13

ZwO fragt nach: Die Spieleindustrie und der JMStV 13

Seit letzter Woche hängt er allen in den Ohren und wahrscheinlich auch schon zum Halse heraus: Der JMStV, kurz für Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, wird wohl ab dem 1. Januar des kommenden Jahres so ausgeweitet, dass deutsche Webseiten – also auch Blogs – ein Altersklassifizierungssystem einführen oder die Zugänglichkeit auf nächtliche Stunden beschränken müssen. Der Hintergrund: Medienkompetenz soll gefördert und Kinder/Jugendliche vor nicht altersgemäßem Inhalt geschützt werden. Die genaueren Details spare ich mir an dieser Stelle, da die rechtliche Situation zur Zeit sehr unklar ist und nähere Informationen teilweise meilenweit auseinander klaffen. Eine Meinung bildet ihr euch vorab also am besten selbst, z.B. via t3n und dem Lawblog.

Gerade Videospiel-Blogs werden wohl vom JMStV betroffen sein, da inhaltlich häufig auch über USK18-Titel berichtet wird. Dass dies nicht immer gleich eine Ab 18-Klassifizierung des Artikels oder des Blogs benötigt, ändert nichts daran, dass sich viele Blog-Betreiber mit dem Thema auseinander setzen und sich über eventuelle Pflichten bewusst werden müssen. Wie die endgültige Situation ab Januar dann aussehen wird, steht noch in den Sternen. Ob und mit welchen Konsequenzen die Änderungen des JMStV dann eintreten werden und ob die Blogosphäre den deutschen Politikern den Stinkefinger zeigt oder eingeschüchtert einen Rückzieher macht – absehbar ist zu diesem Zeitpunkt leider noch fast gar nichts. (Welchen Weg wir mit Zockwork Orange gehen werden, wissen wir aktuell auch noch nicht sicher. Wir versprechen euch aber, dass wir uns eingehend im Team beraten und euch nicht von heute auf morgen im Stich lassen werden.)

Zu diesem Anlass haben wir nachgefragt: Wie reagieren deutsche Videospielblogger auf den JMStV? Und was denken Publisher und PR-Fachleute, die in ständiger Kooperation mit Blogs und Webseiten arbeiten? 7 Kurzinterviews mit Mittelpunkt Media, redspotgames, gameslabor, gamgea, manuspielt, OniPepper und endoflevelboss findet ihr nach dem Cut.

Rüdiger Teutsch ist CEO der Kölner PR-Agentur Mittelpunkt Media, die einen starken Games-Schwerpunkt hat und u.a. für das set.NRW, Z-Software und MTV Game One tätig ist.

ZwO: Gerade als Publisher für Indie-Games profitiert Eure Arbeit häufig von kleinen Blogs. Wie würdet Ihr damit umgehen, wenn viele unabhängige Videospiel-Blogger aufgrund der vermutlich eintretenden Erweiterungen des JMStV ab Januar 2011 ihre Seite vom Netz nehmen oder als ‚Ab 18‘ deklarieren?

Rüdiger: Jeder Videospiel-Blogger, der seine Seite wegen des JMStV vom Netz nimmt, ist natürlich ein Verlust – keine Frage. In Deutschland berichten nicht viele große Publikationen über Indie-Games. Gamestar und 4players stellen zwar immer wieder einzelne gute Indie-Titel vor, doch im Großen und Ganzen erwarten deren Zielgruppe Berichte über AAA-Titel. So kommt es, dass viele Indie-Spieleperlen bislang von den großen Medien unerwähnt auf der Strecke bleiben. Für diese Titel gibt es bisher aber jede Menge Weblogs, die sich zum Teil sehr ausführlich der Indie-Szene annehmen. Wenn die sich entschließen sollten, ihre Seiten dicht zu machen, wäre das ein mittelschwerer Schlag für die Indie-Entwickler in Deutschland. Denn das würde bedeuten, dass der Entwicklernachwuchs wieder weniger Möglichkeiten hat, seine Spiele bekannt zu machen. Und das ist für unabhängige Developer, die nicht mal eben ein großes PR-Budget locker machen können, natürlich ärgerlich. Allerdings muss man auch sehen, dass viele Blogs, die über Indie-Spiele berichten, jetzt schon auf amerikanischen Servern liegen. Von daher gehe ich zum jetzigen Standpunkt nicht davon aus, dass allzu viele deutsche Indie-Blogs dicht machen werden.

Als weniger großes Problem sehe ich die geforderten Alterseinstufungen an, die Blogs ab 2011 vornehmen sollen. Geplant ist meines Wissens ja bislang, dass jeder Artikel einer Seite einzeln eingestuft werden soll. Und da eher eine kleine Zahl von Indie-Titeln im 18er-Bereich anzusiedeln ist, dürfte die Alterskennzeichnung eigentlich keine großen Auswirkungen auf Indie-Blogs haben.

ZwO: Da einige Eurer Spiele nicht im Laden stehen, sind sie zunächst mal nicht von USK-Bewertungen betroffen. Macht Ihr Euch Gedanken darüber, ob sie von Kindern gespielt werden, für die sie vielleicht nicht geeignet sind? Welche bessere Alternative könnte man Verfechtern des JMStV vorschlagen?

Rüdiger: Ich hatte bislang noch keine Spieletitel, die ich PR-technisch unterstützen sollte, die grundsätzlich für Kinder ungeeignet sind. Von daher musste ich diesen Gewissenskonflikt noch nicht mit mir austragen. Das „härteste“ Projekt, an dem ich von Seiten der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit mitgearbeitet habe, war ein Weltraum-Shooter, der aber auf Gewaltexzesse verzichtet hat. Die anderen Spiele gingen eher in die Richtung von Strategie und Jump’n’Run. Das war eigentlich alles unbedenklich und ich musste mir um Kinder, die diese Spiele spielen, keinen Sorgen machen. Generell gehört es aber zu meiner Arbeit, die Zielgruppe meiner Kunden genau zu treffen. Von daher müsste ich mir beispielsweise bei einem Zombiespiel überlegen, welche geeigneten Plattformen ich ansprechen möchte. Dass ich Screenshots, Movies oder Demos von solchen Titeln dann nicht auf Jugendseiten oder in Foren poste, wo sich üblicherweise Minderjährige austauschen, oder deren Redaktionen mit 18er-Content beliefere, versteht sich von selbst.

Was die Alternative zum JMStV angeht, so denke ich, dass jede eindeutigere und klar formulierte Lösung besser wäre. Im Augenblick weiß eigentlich kein Blogger genau, was er Anfang 2011 eigentlich genau machen muss, um teure Abmahnungen im Briefkasten zu verhindern. Selbst auf einschlägigen Juristenseiten gibt es keine einheitlichen Einschätzungen. Generell bin ich der Meinung, dass schon viel geholfen wäre, wenn sich Eltern für das, was ihre Kinder im Netz tun, interessieren würden. Das würde sicherlich am meisten helfen, um Kinder vor Inhalten zu schützen, für die sie noch zu jung sind. Aber damit scheinen viele Eltern schon überfordert zu sein, leider.

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Max Scharl ist CEO von redspotgames, einem Videospiele-Publisher aus München, der sich auf Indie-Games und Dreamcast-Portierungen spezialisiert hat.

ZwO: Gerade als Publisher für Indie-Games profitiert Eure Arbeit häufig von kleinen Blogs. Wie würdet Ihr damit umgehen, wenn viele unabhängige Videospiel-Blogger aufgrund der vermutlich eintretenden Erweiterungen des JMStV ab Januar 2011 ihre Seite vom Netz nehmen oder als ‚Ab 18‘ deklarieren?

Max: Wir müssten uns auf jeden Fall darauf einstellen. Ebenso wie es die Website-Betreiber wohl auch machen werden und Server im Ausland beziehen werden. Ich kenne selbst ein Beispiel, bei dem eine größere Videospiele-Website aus Deutschland einfach auf schweizer Server, inklusive geändertem Impressum, umgezogen ist. So einfach kann man diesem Problem als Website-Betreiber aus dem Weg gehen, und das halte ich auch für gut so. Ich habe mir allgemein mehr vom neuen JMStV erwartet.

ZwO: Da einige Eurer Spiele nicht im Laden stehen, sind sie zunächst mal nicht von USK-Bewertungen betroffen. Macht Ihr Euch Gedanken darüber, ob sie von Kindern gespielt werden, für die sie vielleicht nicht geeignet sind? Welche bessere Alternative könnte man Verfechtern des JMStV vorschlagen?

Max: Also, wenn unsere Spiele nicht für Kinder geeignet sind, dann wohl eher wegen des hohen Schwierigkeitsgrads und nicht wegen des Gore-Faktors (lacht). Außer explodierende Raumschiffe oder 6×6 Pixel große Fußgänger – nun gut, die können in der Tat überfahren werden – haben wir keine Elemente in unseren Spielen, die für Kinder eher nicht geeignet sein könnten. Wegen der Einstufung machen wir uns keine Sorgen – eher um die horrend hohen Preise die dafür verlangt werden.

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Sarah Geser konnte durch Praktika bei der GEE und MTV GameOne bereits wertvolle Erfahrungen auf dem Videogame-Sektor sammeln. Sie schreibt außerdem für das Blog gameslabor, das vor allem unabhängigen Spieleentwicklern eine Plattform geben will.

ZwO: Wie groß schätzt Du die Bedrohung für die deutsche Blog- und Videospiel-Kultur durch die vermutlich eintretenden Erweiterungen des JMStV ab Januar 2011 ein?

Sarah: Die direkte Bedrohung für das Gameslabor können wir jetzt noch gar nicht richtig einschätzen. Dafür ist die Rechtslage bislang noch zu verworren. Wenn sich sogar Juristen über die Auswirkungen nicht einig sind, wie soll ein Laie das dann können? Auf jeden Fall nehmen wir das Thema beim Gameslabor sehr ernst. Wir haben uns rechtlichen Beistand an die Seite geholt und werden kurzfristig entscheiden, wie wir vorgehen. Insgesamt wird es durch die neuen rechtlichen Regelungen aber für Blogger zunehmend unangenehmer, einen Blog, der auf deutschen Servern liegt, zu betreiben.

ZwO: Wo liegen Deiner Meinung nach die Problematiken des JMStV?

Sarah: Die Regelungen sind sehr umfangreich und dazu enorm schwammig formuliert. Sie geben keine rechtsverbindlichen klaren Anweisungen. Das beweist doch schon, dass auf den ganzen Juristenseiten jeder Anwalt andere Ratschläge hat, wie man sich zu verhalten hat. Der eine rät zum Abwarten, der andere fordert zu einem Serverwechsel ins Ausland auf – das alles macht deutlich, dass klare Ansagen bei diesem Thema bislang fehlen.

ZwO: Wie geht Ihr mit dem JMStV um und welche Maßnahmen werdet Ihr im nächsten Monat einführen um eventuellen Abmahnungen zu entgehen?

Sarah: Wie gesagt, wir haben uns juristischen Rat geholt, um bei den Regelungen keinen Fehler zu machen. Wir werden kurzfristig erst einmal einen versierten Jugendschutzbeauftragten ins Impressum aufnehmen. Dieser Rechtsanwalt wird uns künftig auch als direkter Ansprechpartner zur Seite stehen. Im Moment überlegen wir außerdem, Inhalte, die deutlich dem Horrorgenre angehören, von der Seite zu nehmen. Der größte Teil der Seite ist aber inhaltich definitiv unbedenklich, deswegen machen wir uns da bislang keine Sorgen. Aber eine endgültige juristische Bewertung des JMStV steht ja leider noch aus, deswegen kann es durchaus sein, dass wir kurzfristig noch weitere Maßnahmen durchführen. Ein Ausweichen auf einen Server im Ausland oder beschränkte Online-Zeiten unserer Seite kommen für uns aber nicht in Frage. Wir denken, wir können notfalls auch ohne 18er-Content über die deutsche Indie-Szene berichten.

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Albert Schneider ist nicht nur Informatik-Student und Blog-Betreiber, sondern schreibt auch beim Gamingblog gamgea.

ZwO: Wie groß schätzt Du die Bedrohung für die deutsche Blog- und Videospiel-Kultur durch die vermutlich eintretenden Erweiterungen des JMStV ab Januar 2011 ein?

Albert: Ich wusste gar nicht, dass es eine deutsche Videospielkultur gäbe? Was die Blogs angeht, wird sich erstmal keiner an das Gesetz halten, der Rest ist davon abhängig wie streng es durchgesetzt wird.

ZwO: Wo liegen Deiner Meinung nach die Problematiken des JMStV?

Albert: Die Problematiken des JMStV liegen in seiner Existenz. Das sind alles überflüssige Gesetze, die keinem, nicht mal den Kindern und Jugendlichen etwas bringen.

ZwO: Wie geht Ihr mit dem JMStV um und welche Maßnahmen werdet Ihr im nächsten Monat einführen um eventuellen Abmahnungen zu entgehen?

Albert: Unsere Server befinden sich in der Schweiz, also müssen wir auf absehbare Zeit keine Maßnahmen ergreifen.

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Manuel Fritsch ist Betreiber und Schreiber des wunderbaren Blogs manuspielt, auf dem er regelmäßig allerlei lesenswerten Kram aus der Videospiel-Welt veröffentlicht. Er schreibt außerdem für polyneux, Players-Source und die Die Siedler von Catan-Page Siedeln.de.

ZwO: Wie groß schätzt Du die Bedrohung für die deutsche Blog- und Videospiel-Kultur durch die vermutlich eintretenden Erweiterungen des JMStV ab Januar 2011 ein?

Manu: Also erst mal denke ich, muss man aus der ganzen Diskussion etwas die Aufregung nehmen. Der Shitstorm war und ist zwar völlig berechtigt, weil dieser Entwurf, und da kann ich dem Lawblog nur zustimmen, einfach nur weltfremd ist. Noch ist das Gesetz ja auch nicht in der Form verabschiedet und ich hege auch noch Hoffnung, dass wir davon verschont bleiben könnten. Ja, ich bin ein unverbesserlicher Optimist, ich weiß, aber ich habe beschlossen, die Sache erst mal gelassen abzuwarten. Selbst wenn es durchkommen sollte, sehe ich keine all zu große Bedrohung der Blog-Landschaft per se durch das Gesetz, sondern die viel größere Gefahr sehe ich in der Übergangsphase, die geradezu ein wahres Paradies für Abmahn-Anwälte zu werden scheint. Unklarheiten im Gesetz, Androhung von Mahngebühren bei falscher Auszeichnung der Inhalte, Unklare Aussagen über Sendezeiten und Auszeichnungspflicht… für kommerzielle Anbieter, die nicht einfach alles ab 18 kennzeichnen wollen, wird das sicherlich ein heftiger Bürokratiekrampf. Mir als nicht kommerzieller Blogger ist das relativ egal, von mir aus ist einfach alles ab 18 in meinem Blog, wenn ich damit auf der sicheren Seite sein sollte. Dann ist die Troll-Gefahr schon geringer. Man kann das ja auch mal von der positiven Seite sehen.

ZwO: Wo liegen Deiner Meinung nach die Problematiken des JMStV?

Manu: Die Unklarheiten so knapp vor dem vermeintlichen in Kraft treten dieses Vertrages. Dass einfach niemand genau weiß, wie am 01.01.2011 nun die Faktenlage ist und dass man als betroffenes Blog völlig im Unklaren darüber gelassen wird, wie die technischen Anforderungen aussehen. Das zweite Problem: Die Sinnlosigkeit, die dieser Pseudo-Schutz bereits in der Idee mit sich bringt. Als deutsches Blog ist man davon betroffen, aber das Netz ist nun mal nicht regional und die nächste Seite ohne Alterseinstufung nur einen Klick entfernt. Ausländische Seiten werden sich einen Dreck um deutsche Gesetze kümmern.

ZwO: Wie gehst Du mit dem JMStV um und welche Maßnahmen wirst Du im nächsten Monat einführen um eventuellen Abmahnungen zu entgehen?

Manu: Ich werde direkt zum Januar erst mal gar nichts ändern. Ganz einfach aus dem Grund, weil es noch gar keine technischen Rahmenbedingungen gibt, die einen Blog-Betreiber auch nur überhaupt in die Lage versetzen würden, etwas zu tun. Die Filtersoftware, die dann Inhalte ab 18 nicht mehr anzeigen soll, ist ja noch nicht verfügbar und solange sehe ich in dem Punkt auch keinen Handlungsbedarf von und für meine Seite. Das Blog gar zu schließen aus Angst oder Wut halte ich für völlig deplatziert und übertrieben. Spannend für uns Spiele-Blogger bleibt allerdings die Frage, ob unsere Inhalte denn automatisch „ab 18“ sind, wenn wir über ein Spiel schreiben, welches den großen „18“-Aufkleber auf der Packung hat? Solange diese Frage nicht geklärt ist, verfalle ich jedoch sicherlich nicht in Panik und schreibe nur noch über Disney-Spiele. Ich mache erst mal weiter wie bisher. Dass mein Blog auf einem US-Server liegt, weil ich direkt bei WordPress hoste, entspannt die Sache für mich natürlich auch etwas, aber spätestens bei polyneux, das in Deutschland liegt, taucht das Problem wieder auf. Ganz verschont werde ich davon also nicht bleiben. Hoffnungsvoll stimmt mich die Tatsache, dass die klassischen, seit Jahren im Kiosk erhältlichen Spiele-Zeitschriften ja auch nicht ab 18 sind, nur weil sie über diese Spiele berichten. Mein Fazit ist daher sehr britisch: Stay calm and carry on.

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Tim Bruns schmeißt zusammen mit seinem Kollegen Michi das manchmal recht kontroverse Blog OniPepper, das schon länger eine Kindersicherung anbietet.

ZwO: Wie groß schätzt Du die Bedrohung für die deutsche Blog- und Videospiel-Kultur durch die vermutlich eintretenden Erweiterungen des JMStV ab Januar 2011 ein?

Tim: „Wir haben zwar nicht das Web 2.0 erfunden, stehen aber kurz davor der Welt zu zeigen, wie die Bücherverbrennung 2.0 aussieht.“ – So, oder so ähnlich würde ich eine Hass-Tirade auf die Erweiterungen des JMStV abfeuern, wenn ich eine wirkliche Bedrohung dahinter sehen würde. Die Geschichte des Jugendschutzes, der Zensur und des Verfassungsschutzes ist eine lange, und nüchtern betrachtet ziemlich lustige Angelegenheit mit beschlagnahmten Maus Spiegelmann-Comics, Marshall Bravestarr auf dem Index und Rambo 3 mit Prädikat ‚Wertvoll‘. Unsere schlecht informierten Politiker haben Angst vor neuen Medien und noch mehr Angst vor Wählern, die Angst vor neuen Medien haben. Sie schießen wild herum und treffen, wenn sie denn überhaupt jemanden treffen, die Falschen. So ist das auch mit dem JMStV, das macht keine Angst. Angst muss man nur vor geldgeilen Abmahnanwälten haben, denn die sind immer die Gewinner von schlecht durchdachten Gesetzesänderungen. Das Internet und die Blog- und Videospielkultur kennt keine Ländergrenzen, wird also nicht bedroht. Es gibt im Moment einen leichten Gegenwind von Technophobikern, der wirklich kein Grund zur Panikmache ist. Würde endlich einmal in Deutschland von staatlicher Seite akzeptiert werden, dass Videospiele nicht nur integraler Bestandteil der Kultur und Wirtschaft sind, sondern auch eine neue Kunstform, dann müsste auch niemand mehr ängstlich sein.

ZwO: Wo liegen Deiner Meinung nach die Problematiken des JMStV?

Tim: Es besteht zwar keine Pflicht zur Alterskennzeichnung unserer Webseite OniPepper, aber da wir uns im Bereich der Videospiele bewegen, bleibt es nicht aus, dass wir aus Sicht einiger Leute sicherlich auch jugendgefährdende Inhalte behandeln – aus Sicht einiger Leute, wir sehen das anders. Leider sind wir daher gezwungen, unsere Inhalte nach Kriterien zu bewerten, die wir nicht generell gutheißen, was für uns ein moralisches Problem ist. Abgesehen von dem moralischen Problem, haben wir auch noch ein logistisches Problem. OniPepper hat bald 13.000 Beiträge mit ca. 75.000 Kommentaren, hinzu kommen 2700 Galerien mit knapp 30.000 Bildern, die geprüft werden wollen. Das können und wollen wir nicht leisten. Somit sind wir gezwungen ganz OniPepper mit einer Altersfreigabe ab 18 zu versehen, was dann auch kulturell wertvolle Beiträge betrifft, die auch für die vom JMStV Beschützten von Interesse sind und die sie eigentlich in ihrer geistigen Entwicklung voranbringen würden. Im gewissen Sinne beschneidet die so aufgezwungene „freiwillige“ Selbstzensur somit unser im Grundgesetz festgelegtes Recht auf freie Meinungsäußerung.

ZwO: Wie geht Ihr mit dem JMStV um und welche Maßnahmen werdet Ihr im nächsten Monat einführen um eventuellen Abmahnungen zu entgehen?

Tim: Vor Monaten haben wir schon freiwillig eine Kindersicherung bei OniPepper installiert, die allerdings nicht auf Kinder und Jugendliche abzielt, sondern auf unsere Leser, die bei der Arbeit auf unsere Seite surfen. Denn manchmal tendieren wir zu etwas freizügigeren Postbildern auf denen man zumindest hin und wieder Andeutungen von primären und sekundären Geschlechtsorganen erahnen kann. Und damit diese Bilder nicht den Missmut konservativer Arbeitskollegen erregen, lassen sie sich mittels Kindersicherung deaktivieren. Diese Vorkehrung wird dem Jugendschutz sicherlich nicht genügen, daher bringen wir
einige Warnungen auf der Webseite an, dass wir vorsätzlich jugendgefährdend sind und der Besuch dieser Seite nur für Leser ab 18 Jahren gedacht ist.

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Christian Pöhlmann betreibt nicht nur sein eigenes Blog endoflevelboss.de, sondern gehört auch zum großen Team von polyneux.

ZwO: Wie groß schätzt Du die Bedrohung für die deutsche Blog- und Videospiel-Kultur durch die vermutlich eintretenden Erweiterungen des JMStV ab Januar 2011 ein?

Christian: Das ist momentan noch schwierig abzuschätzen, da niemand weiß, wie genau die technische Umsetzung der JMStV-Vorgaben am Ende auszusehen hat. Sollte es tatsächlich genügen, seinem Blog im Zweifelsfall ein einfaches „Ab 18“-Kennzeichen zu verpassen, werden die meisten deutschen (Spiele-)Blogs vermutlich kein Problem damit haben, ihre Inhalte einfach als „nicht geeignet für Jugendliche unter 18 Jahren“ zu klassifizieren. Da anscheinend mit der freiwilligen Kennzeichnung keinerlei technische Einschränkungen einhergehen, wäre das wohl der gangbarste Weg für die meisten. Da ich generell die Spiele-Blog-Leserschaft aus eigener Erfahrung im Durchschnitt als deutlich älter einschätze als den klassischen Gamestar-Forentroll, wird es der Blogkultur keinen Abbruch tun. Und seien wir ehrlich: ein einfaches Kennzeichen ohne weitere Einschränkungen wird sowieso niemanden davon abhalten, sich eine Seite oder ein Blog anzuschauen. Was uns direkt zu den Problemen des JMStV bringt…

ZwO: Wo liegen Deiner Meinung nach die Problematiken des JMStV?

Christian: Der JMStV schafft unterm Strich deutlich mehr Unsicherheit im (deutschen) Netz, als er Sicherheit bietet. Welche Inhalte sind wie einzuschätzen, wo liegt die textliche Grenze zwischen beispielsweise Inhalten ab 12 oder ab 16? Macht die kritische Beschreibung brutaler Inhalte in Call of Duty mein Blog automatisch nicht jugendfrei, bloß weil das Spiel selbst ab 18 ist? Darf eine Harry-Potter-Fanpage davon ausgehen, dass sie grundsätzlich jugendfrei ist? Oder muss der rote Sticker her, wenn der gemeine Harry-Potter-Blogautor eine ähnliche Fluch-Frequenz wie ich in seinen Texten erreicht? Da sich wohl kein einziger privater Blogbetreiber die Summe für die höchstoffizielle Inhaltseinschätzung von staatlich anerkannter Seite leisten kann und die Einführung von Sendezeiten für die meisten aufgrund grober Unsinnigkeit eines solchen Konzeptes im Internet nicht in Frage kommt, wird der Großteil versuchen, sich bei der Klassifizierung auf seinen gesunden Menschenverstand zu verlassen. Hier liegt gerade im durch die Formulierung des JMStV entstehenden Interpretationsspielraum ein regelrechtes Minenfeld für jeden Blogbetreiber vergraben, das in Zukunft zu vielen obskuren Abmahnungen und Präzedenz-Entscheidungen führen dürfte. Immerhin zeigt eine erste Studie, dass bei ganzen 80% aller Testpersonen der gesunde Menschenverstand und die tatsächliche Gesetzeslage nicht miteinander in Übereinstimmung zu bringen sind. Ich kann schon regelrecht hören, wie sich gerade vor allem unsere Lieblingsrichter in Hamburg die Hände reiben.

Aber vor allem eben: bringt eine solche Alterskennzeichnung überhaupt etwas? Alterskennzeichen halten trotz ihrer Rechtsgültigkeit im Zweifelsfall keinen 13-jährigen davon ab, trotzdem Gears of War oder Modern Warfare zu spielen. Warum sollte es ein einfaches Kennzeichen, das auf irgendeiner Seite klebt, schaffen, diesen 13jährigen von der Auseinandersetzung mit eben dieser Seite abzuhalten?

Und dann ist da noch der technische Aspekt: Wie funktioniert das eigentlich genau mit der Freigabe? Welchen Codeschnipsel muss ich wie wo integrieren, damit das alles auch technisch passt? Und wie wird unser 13-jähriger von oben ggf. technisch daran gehindert, eine Seite zu „betreten“. Wird es eine entsprechende Filter-Software geben? Und glaubt wirklich jemand ernsthaft, dass auch nur eine annähernd kritische Masse an Eltern über die Medienkompetenz oder die Lust verfügt, sich solch eine Filtersoftware auf dem heimischen Rechner zu installieren? Vor allem, wenn an dem gesamten Konzept des JMStV so vieles schräg, falsch oder offensichtlich schwachsinnig ist? Wohl kaum. Von daher dürfte das allergrößte Problem des JMStV seine Wirkungslosigkeit sein.

ZwO: Wie gehst Du mit dem JMStV um und welche Maßnahmen wirst Du im nächsten Monat einführen um eventuellen Abmahnungen zu entgehen?

Christian: Für endoflevelboss sehe ich das gerade sehr entspannt. Da gefühlt der überwiegende Teil meiner Leserschaft bereits länger volljährig ist, hätte ich kein Problem damit, mein Blog ab 18 einzustufen. Allerdings setze ich noch auf den massiven zivilen Ungehorsam und den gerade losbrechenden Shitstorm im Internet, um die derzeitigen Entwicklungen zum Positiven zu wenden. Wenn schon Castor-Transporte und sinnfreie Bahnhofsumbauten keine Massen mobilisieren, dann doch hoffentlich das Recht auf freie Meinungsäußerung immer und überall – ohne Sendezeiten für das geschriebene Wort.

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Kristin Knillmann (Projektleitung, Gast-Redaktion) Job: High5-Mädchen, Redakteurin GameStar/GamePro

13 Comments

  1. Ach, kein Schwein kuemmert sich doch um Deutschland. In .de ist alles bereits seit Jahren nur verbrannte Erde. Da wird der JMStV auch nicht viel kaputt machen koennen.

  2. Solange Gesetze für neue Medien von Leuten beschlossen werden, die keine Ahnung von neuen Medien haben, kann man leider einfach nur ungläubig den Kopf schütteln. Ich soll eine Altersbeschränkung für mein Blog einbauen aber im GameStop kriegt jeder 14jährige jedes „Ab 18“-Game (kommt natürlich auf den jeweiligen Mitarbeiter an, will ja nichts verallgemeinern.) ohne Probleme?
    Mein Blog ist dann erst ab 22 Uhr erreichbar und die Kiddies vertreiben sich solange die Zeit auf Youporn (als Beispiel für eine ausländische Seite, die von dem Gesetz nicht betroffen ist)? Und wie im Text schon erwähnt: Texte sind doch eigentlich als eher harmlos einzustufen. Gibt es Bücher ab 18? Also beschränken sich die jugendgefährdenden Inhalte doch auf Bilder und Videos, kann man nicht einfach da ansetzen? Kinder schalten Bilder im Browser ab und fertig. Nein?

    Also ich halte das alles für großen Blödsinn und werde mich (ich kann nur von meinen kleinen Privatblogs sprechen) weigern, da irgendwas zu ändern. Sollte es irgendwann eine technische Möglichkeit geben, eine Altersbeschränkung als Meta-Tag anzugeben, damit spezielle Schutzprogramme das dann filtern, habe ich auch kein Problem, meine Blogs als „Ab 18“ zu deklarieren. Da verliere ich keine Leser, kann mir nicht vorstellen, dass irgendwer über 12 eine Schutzsoftware von den Eltern aufgebrummt bekommt. Jedes Grundschulkind hat schon mal Playboy & Co. gesehen, steht im Supermarkt neben der Kasse, die Erotikfilme im MediaMarkt sind auch nicht hinter einer Alterskontrolle versteckt und auf Wikipedia gibt es teilweise Sachen zu sehen, die will selbst ich mir nicht antun. Das Gesetz kann Kinder nicht schützen, ergo ist es sinnlos. Die ganze Welt wird nur wieder über uns lachen und mit dem Finger auf uns zeigen, erste Artikel dieser Art habe ich schon gelesen. Stopp-Schilder im Internet, Verpixelungen bei Google-Streetview, „Öffnungszeiten“ für Webseiten… das war nicht das erste Mal und wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich es bedaure, Deutscher zu sein bzw. hier zu leben. Leider lassen die einen nicht so leicht in die Schweiz….

  3. freut mich das ihr euch die mühe gebt, soviele Meinungen in Form von Interviews einzuholen.
    Dass dieses Schimpfwort mit J ein riesiger Sprung in ein dunkles, modriges Loch ist, darüber besteht ja hoffentlich kein Zweifel (außer bei den verkalkten, grauhaarigen und inkompetenten „Volks“-Vertretern in unseren Länderparlamenten) Es kam ja eh schon lange nichts gutes mehr aus unsrer Politik, da überrascht mich auch schon lange nix mehr…die werden sich noch wundern, wenn alle auswandern, aber was ich sagen wollte ist, dass ich hoffe, dass hier alles so weiter geht wie bis her.
    Ich frag mich, was man denn überhaupt tun kann. Als vernunftbegabter Mensch. Also ich mein, wie man denen, die da für uns so tolle Sache entscheiden dürfen, mal Vernunft ein einbleuen könnte…scheinbar weiß da keiner was in den letzten 30 Jahren hier passiert ist. Irgendeine Idee?

  4. Insgesamt bin ich ja relativ überrascht, wie entspannt die Änderungen in Hinblick auf die jeweils eigenen Blogs bzw. die schnelle Umsetzung der Vertragsvorgaben gesehen werden. Das gibt mir Hoffnung. Auch wenn die ersten Abmahnanwälte gerade vermutlich schon vorausschauend ihre Badewannen mit Platin auskleiden lassen und ihrem Fifi Diamantcolliers kaufen ;-)

  5. Das Problem werden wohl eher die Abmahnanwälte sein, die ab Januar aus dem Boden hervorspriesen und fleißig Abmahnungen schreiben. Ob diese begründet sind oder nicht, ist erstmal eine andere Sache. Die werden auch auf die Dummheit und Ahnungslosigkeit der Websiten-Betreiber spekulieren.

    Natürlich kann man sich von dem ganzen Käse auch mehr oder weniger „befreien“. Denn: Wer ein tagesaktuelles Informationsangebot anbietet, der muss nichts befürchten und kann weiterhin über nackte Brüste und USK 18-Dinge schreiben, ohne sich einzustufen oder eine Vorkehrung treffen zu müssen.

    Immerhin blickt im Moment kaum jemand durch, viele Websiten und Anwälte informieren auch nicht richtig. Das liegt aber eben vor allem an den sehr dürftig geschriebenen Regelungen.

  6. Ich kann mich diesem Artikel nur anschließen. Ich stehe vor genau den selben Fragen und bin zum gleichen Ergebnis gekommen: Rechtsschutzversicherung abschließen und abwarten bis sich der Nebel gelichtet hat. Momentan weiß doch noch niemand, was uns dieses komische Gesetz überhaupt bringt (was ein Armutszeugnis an sich ist).

  7. Abmahnanwälte arbeiten ja gerne nach dem „wir stellen den Serienbrief Freitags zu und geben dir eine Frist bis Dienstag“-Prinzip (ich spreche da leider aus Erfahrung) und viele verunsicherte Blogger werden dann vermutlich panisch ihr Scheckbuch zücken. Du hast also vermutlich leider recht. Muss man als Anwalt nicht irgendeinen Eid leisten? Meh.

  8. Das schöne an Abmahnanwälten ist, dass sie sich mit der gleichen Regelmäßigkeit nach einer rechtssicheren Antwort nicht mehr melden. Jetzt müsste man nur noch allen Bloggern mal sowas zukommen lassen.

    So wie ich die Geschichte bis jetzt verstanden habe, gibt es nichts abzumahnen, solange im Impressum ein Jugendbeauftragter drin ist. Die Briefe kommen allerdings trotzdem, klar. ;)

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