Gaming mit Farbenblindheit 14

Gaming mit Farbenblindheit 14

Ich leide unter »Farbenblindheit« oder, um genauer zu sein, unter Protanopie, was im Deutschen Rot-Grün-Schwäche bedeutet. Wie ungefähr 10% der männlichen Bevölkerung leide ich unter einem Gendefekt, der im alltäglichen Leben nicht allzu große Auswirkungen hat. Abgesehen von Verwechslungen bei Farben – die häufig zu einer wahnsinnig lustigen Frage à la „Welche Farbe hat der Himmel?“ führen – hat dies aber nur beim Zocken Auswirkungen, weswegen ich dieses Thema an dieser Stelle behandele.

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Testtafeln für verschiedene Formen der Farbenfehlsichtigkeit. Quelle: Human Vision and Color Perception

Selbst beim Zocken halten sich die Probleme und Einschränkungen in Grenzen. In der Regel werden Farben verwendet die komplementär genug sind um sie ohne Probleme auseinanderzuhalten, oder Farben haben einfach keinen Einfluss auf mein Ergebnis im Spiel. Aber hin und wieder gibt es Spiele, die mich in den Wahnsinn treiben. Im Folgenden werde ich versuchen meine „Krankheit“ zu beschreiben und die Probleme beim Zocken aufzuzeigen.

Wie sehe ich die Welt?

Zu 99% dürfte ich die Welt wie jeder andere Mensch auch sehen. Das eine Prozent äußert sich in der Verwechslung von Grün- und Rot-Tönen und vielen verwandten Farben. Matt Wilcox hat sich auf seinem Blog sehr gut daran versucht zu erklären, wie er die Welt sieht und dies versucht mit Beispielbildern zu simulieren. Diese können natürlich nicht perfekt wiedergeben was es bedeutet eine Farbenfehlsichtigkeit zu haben, aber sie geben einen ungefähren Eindruck. Für mich sind die Bilder, die Matt auf seinem Blog vergleicht, komplett deckungsgleich und höchstens durch minimal kräftigere Farben unterscheidbar. Wie man sieht, sind Einschränkungen kaum vorhanden, aber dennoch spürbar.

Was bedeutet das für Games?

Wie einleitend bereits erklärt, bereiten Spiele fast immer keine Probleme. Das kleine Wörtchen „fast“ ist aber nicht zu vernachlässigen. Als DICE und EA vor anderthalb Jahren »Battlefield 3« auf den Markt brachten, war ich nicht in der Lage in Squads zu spielen. Das Problem, das ich hatte, war die Nähe der Farben, mit denen Squad-Mitglieder und meine Gegner gekennzeichnet waren. Allzu häufig stand ich vor einem vermeintlichen Freund, der mich sofort über den Haufen schoss und noch viel häufiger ballerte ich panisch auf die Mitglieder meines Squads, da ich beide im Eifer des Gefechts nicht auseinanderhalten konnte. Befand ich mich in einer ruhigen Situation, konnte ich mich mehr auf die Farben konzentrieren und diese auseinander halten, aber solche Situationen sind gameplaytechnisch eher selten.

Kurze Zeit nach Release gab es damals eine Online-Petition die EA aufforderte einen Modus für Farbenfehlsichtige einzuführen, wie es »Bad Company 2« auch schon besaß. Es dauerte ein paar Monate bis dann mit einem Patch Nachhilfe geleistet wurde und man nun die Gegner in einem sehr dunklen Rot, Squad-Mitglieder aber mit Gelb anstelle von Grün erkennen konnte. Da hierzu bei modernen Spielen nur ein geringfügiger Aufwand von Nöten ist – wie Ocean Quigley, Art Director von »SimCity« laut einem Video, das ihr weiter unten sehen könnt, selbst gesagt hat – stellt sich die Frage, warum dies nicht häufiger geschieht. Ich will hier keine wilden Theorien aufstellen, da ich auch ganz bestimmt keine böse Absicht dahinter vermute, aber nervig ist es dennoch.

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Die Hölle auf Erden für Farbenfehlsichtige: 7×7 auf dem Android.

Ein aktuellerer Fall wäre das Smartphone-Spiel »7×7«, welches auf dem iPhone eine recht gut unterscheidbare Farbvariation bietet, das aber auf dem Android eine echte Hölle für Menschen mit einer Farbenfehlsichtigkeit darstellt. Besonders die Rot- und Orange-Töne sind für mich nicht auseinanderhaltbar – zumindest denke ich, dass es sich um diese Farben handelt – und machen es unmöglich das Spiel zufriedenstellend zu beenden, obwohl ich glaube, dass es sich um ein interessantes Puzzlegame handelt. Deutlicher voneinander getrennte Farbtöne wären nur eine geringe Änderung für den Entwickler, aber für ungefähr 10% der männlichen Bevölkerung ein Segen. Sicherlich ist hier zu beachten, dass unterschiedliche Entwickler am Werk waren, aber es bleibt festzuhalten, dass durch unterschiedliche Farben ein signifikanter Unterschied entsteht.

Es geht auch anders!

Dass es auch anders geht und Menschen mit Farbenfehlsichtigkeit nicht im Spielerlebnis benachteiligt werden müssen, zeigen Maxis mit »SimCity«, die von Haus aus verschiedene Filter anbieten, welche entsprechend starke Kontraste und/oder direkt andere Farben anbieten. Da »SimCity« Daten als Overlay über die Stadt legt und dabei mit Farbverläufen arbeitet ist es also durchaus wichtig, dass man erkennt, wo die Unterschiede liegen. Das folgende Video von PC Gamer stellt mehrere Filter, die das Spielerlebnis mit Farbfehlsichtigkeit simulieren, vor:

Diese Filter wurden eingesetzt, nachdem einer der Angestellten aus der Qualitätssicherung beliebig Zonen gesetzt hat, damit er herausfindet, welche Zonen wofür zuständig sind und Ocean Quigley, Art Director bei Maxis, einen Filter baute, welcher Rot-Grün-Schwäche simuliert um zu wissen, wie sich das Spielerlebnis ändert. Als er feststellte, dass »SimCity« unspielbar geworden ist, wurden neue Filter für verschiedene Formen der Farbfehlsichtigkeit eingebaut. Durch Zufall hat Maxis also von Beginn an Modi für Farbenblinde implementiert, was aber bei Weitem noch kein Standard ist.

Und nun?

In den meisten Fällen ist es ziemlich egal ob ein Spieler alle Farben auseinanderhalten kann, aber es gibt genug Beispiele, in denen es nunmal wichtig ist, das zu können. Solche Modi für Spieler mit einer Farbenfehlsichtigkeit sind besonders bei Teamspielen unglaublich wichtig, denn schließlich will keiner ständig von seinem Teamkameraden abgeschossen werden, weil dieser nicht auseinanderhalten kann wer Feind und wer Freund ist. Solche Modi sind für Entwickler wohl nur ein kleiner Aufwand, können aber unglaublich viel im Erlebnis einer nicht zu vernachlässigenden Anzahl an Spielern ausmachen. Ich werde hier nicht viel ändern, das ist mir bewusst, aber vielleicht kann ich ja ein paar Leute mehr auf die Problematik aufmerksam machen. Damit wäre ich schon mehr als glücklich.

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Frederik Wagner (Redaktion) Job: Student im Master of Education für Geschichte und Englisch Auf ZwO Experte für: PC-Spiele aller Art, hauptsächlich aber Sachen aus den Bereichen RPG und Strategie, bevorzugt rundenstrategisch. Die herumstehende Xbox erweitert das Spektrum um reine Konsolentitel. Hier holt sich Freddi Gaming-News: PCGamer.com Mail: fw [at] zockworkorange [dot] com Twitter: Fredelsloh XBLA: - PSN: - Steam: Fredelsloh Erstes Game: Prince of Persia Liebste Games: Baldur’s Gate II, Planescape Torment, Arcanum, Civilization II, Europa Universalis 3 Liebste Persönlichkeit der Branche: Warren Spector Liebste Game-Figur: Minsk und Boo

14 Comments

  1. Mein Vater hat auch mit einer Rot-Grün-Schwäche, aber unter den Gaming Aspekt habe ich die ganze Thematik noch nie gesehen, weil er leider kein Zocker ist und auch nie einer war. Ich fand den Artikel sehr interessant aufgebaut und auf das Thema eingegangen. Also eine Person hast du auf jeden Fall mal auf diese Problematik aufmerksam gemacht xD Ich stell mir das bei diesen Feind-Freund Games wirklich furchtbar ätzend vor, wenn man teilweise orientierungslos wird.

  2. Ein Freund von mir ist auch Farbenblind und bei irgendeinem MarioParty gabs ein Spiel von man auf ein Feld springen musste, dessen Farbe kurz eingeblendet wurde. Die Flächen hatten alle samt Pasteltöne er hatte arge Probleme damit und konnte die Flächen nicht ausseinander halten. Hab nie drüber nachgedacht, dass das erkennen von Farben ja in vielen Spielen wichtig ist… :/

  3. @Akai: Vielen Dank für das Lob! :) Wie schon gesagt: Außerhalb des Gaming ist das auch nur ganz, ganz selten ein Problem, deswegen das häufig bei Leuten die nicht zocken nicht auffällt.

    @Sumi: Genau sowas sind die Kleinigkeiten in denen es wirklich stört. „Viele Spiele“ ist übertrieben, aber es kommt häufig genug vor.

  4. Guter Artikel!
    Hatte exakt das gleiche Problem bei „Battlefield 3“. Ist schon sehr ärgerlich, dass so eine kleine Änderung so lange auf sich warten lassen muss. Aber besser spät als nie.

  5. Guter Artikel. Anmerken möchte ich nur, dass „Farbblindheit“ eigentlich nur zutrifft wenn man tatsächlich nur Grautöne sieht.

    Ich persönlich habe auch eine Farbsinnstörung/schwäche (wie auch immer), leide da allerdings nicht sonderlich drunter. Außer wenn es mal jemand bemerkt. Die Leute finden das faszinierend und halten einem dann alles erdenkliche vor die Nase und frage um welche Farbe es sich handelt. Mittlerweile sehr nervig.

    Ich habe von klein auf immer gern Puzzle-Spiele gespielt. Das fing mit Columns und Bust-A-Move/Puzzle Bubble an, bereitete aber nie Probleme, da ich mich einfach immer auf die Symbole konzentriert habe. Aber später wurde es irgendwann richtig nervig, da ich viele Spiele einfach nicht spielen konnte. Nervig deshalb, weil sie am Anfang immer mit wenigen Farben losgingen, die ich unterscheiden kann und später dann plötzlich noch mehr Farben hinzukommen, wo es dann aufhört. Ohne Symbole oder Formen komme ich da dann nicht mehr weiter. Leider ist das viel zu oft der Fall, bei dieser Art von Spielen.

    Ansonsten auch manchmal problematisch (bis man sich daran gewöhnt hat) wenn statt der Buchstaben auf dem Pad nur farbige Buttons angezeigt werden (A und Y auf dem Xbox-Pad).
    Ingame und relativ aktuell fällt mir da auch Forza ein. Dort färbt sich eine Hilfslinie von grün(?) bis rot. Rot signalisiert halt, dass man dringend bremsen soll. Allerdings kann ich die knallrote Linie auf dunklem Asphalt oft einfach nicht sehen und bin dann irritiert. Aber zum Glück gibt es ja die verpönte Rückspulfunktion.

    Du schilderst diese Probleme aber gut in deinem Artikel und der Blog von Matt dürfte vielen wohl auch einige Fragen beantworten ;)

  6. @Dave: Deswegen habe ich „Farbenblindheit“ auch in Anführungszeichen gesetzt. Der Begriff hat sich nun mal umgangsprachlich als Bezeichnung dafür durchgesetzt, auch wenn er eigentlich falsch ist. Für den Titel habe ich ihn dennoch gewählt, weil aus dem eben genannten Grund mehr Leute was damit anfangen können, als mit dem, laut Augenarzt, offiziellen Begriff „Farbenfehlsichtigkeit“. Ich hätte den Unterschied aber deutlicher erklären sollen. Sorry!

    Bei mir ist es das bereits erwähnte „Und welche Farbe hat der Himmel für dich?“, das mir inzwischen gehörig auf den Senkel geht. Naja, damit muss man wohl leben… :/

    @Chris: Die Links in dem Artikel führen leider ins Leere, aber ich glaube, dass ein solcher Monitor kaum benötigt werden dürfte, wenn man einfach diverse Modi für Farbenblinde verwenden würde.

  7. Hallo,

    sehr interessanter Beitrag.

    Ich entwickle selber gerade ein Spiel für Android wo ich stark auf Farben setze. Prinzipiell verstehe ich die Theorie und es gibt auch Tools zum Testen, doch ich weiß nicht wie realitätsnah diese Tools sind.

    Hat jemand Lust und Interesse mein Spiel bzgl. Farbgebung zu testen und mir Tipps zu geben? Als Gegenleistung kann ich eine Erwähnung in den Credits des Spiels anbieten.

    LG

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