Review: Silent Hill – Shattered Memories 4

Review: Silent Hill – Shattered Memories 4

Zugegeben: Ich habe nie zuvor einen Silent Hill-Teil gespielt. Allerdings stehe ich auf Psychohorror, besitze eine Wii und habe mitbekommen, dass SILENT HILL: SHATTERED MEMORIES – der neueste Streich des Franchise – allerorten abgefeiert wird. Zusätzlich soll sich der Spielverlauf an die Entscheidungen des Spielers anpassen und mit Hilfe von psychoanalytischen Tricks jedem seinen individuellen Albtraum liefern. „Das Heavy Rain für die Wii„, jubelt es quer durch die Reviews. Grund genug, um blind zuzugreifen, oder?

Als ich mir Shattered Memories gekauft hatte, war gerade mein Freund Mo zu Besuch (viele Grüße an dieser Stelle!). Wir beschlossen, zur Steigerung der Paranoia, zunächst mächtig breit zu werden und erst dann das Spiel einzulegen – in der Hoffnung, auf einen Höllentrip mitgenommen zu werden, den wir so schnell nicht vergessen würden. Das Ende vom Lied war, dass Mo nach einer halben Stunde eingeschlafen war und nur mit einer Überdosis Little Big Planet wieder zum Leben erweckt werden konnte. Auch ich hatte Schwierigkeiten, die Wiimote aufrecht zu halten.

Was ist überhaupt die Aufgabe? Die Handlung ist recht schnell erzählt. Ich sitze beim Psychiater und arbeite in episodenartigen Flashbacks das folgende Erlebnis auf: Ich hatte einen Unfall mit meinem Auto. Als ich wieder zu mir komme, ist meine kleine Tochter (Beifahrerin) spurlos verschwunden. Verzweifelt mache ich mich mit einer Taschenlampe durch den verschneiten Ort Silent Hill auf die Suche nach ihr. Grusel, grusel. Überall könnte das Grauen stecken. Ich laufe vorsichtig um die Ecke… UND – nichts passiert. Glück gehabt. Da hinten, ein einsames Haus. Ich gehe rein… UND – alles leer. Okay, Horrorgeschichten fangen meistens harmlos an, aber so allmählich könnte doch mal was passieren? Aber nein, hier ist nichts gruseliges – nur Schnee, Dunkelheit und ein ziemlich seichter Adventure-Part. Schlüssel für verschlossene Türen finden, stuff like that.

Was sind denn das für Nacktmulle?“ waren Mos letzte Worte, bevor er einschlief. Er hat richtig gesehen: Mittlerweile bin ich das erste Mal in der surrealen Albtraumwelt gelandet – die einzigen Spielabschnitte, in denen es gefährlich wird. Hektisch und so gut wie orientierungslos renne ich durch die Gegend, lediglich blau leuchtende Türen, Kanten und sonstige Landmarks weisen mir den Weg zum momentan nächstbesten Ausgang. In der Zeit werde ich von besagten Nacktmullen angegriffen. Bekämpfen kann ich sie nicht. Von allen Seiten springen sie mein Alter Ego an und ich muss sie mit der Wiimote abschütteln. Originell, gab es ja auch noch keine fünftausend Male. Irgendwer muss den Wii-Entwicklern mal verraten, dass Gegner abschütteln noch nie Spaß gemacht hat. Habe ich nach diversen Sackgassen (in denen ich tot-besprungen wurde) und Trial&Error-Anläufen das Ziel erreicht, geht es normal mit dem Adventure-Part weiter.

Nach zwei bis drei Wiederholungen der ganzen Chose hat man den Dreh schnell raus: Im Adventure-Part passiert nichts aufregendes. Im Albtraum-Part gibt es lediglich Schockeffekte durch die hervorspringenden Nacktmulle, was sich sehr schnell abnutzt und vielmehr einfach nur stresst. So sieht also intelligenter Psychohorror aus? Das ist alles? Was ist denn mit dem sogenannten Profil, das der Therapeut während der Sitzungen von mir anlegt? Meine Antworten beeinflussen doch angeblich den Spielverlauf?

Das Psychiaterding ist natürlich halb so dramatisch – wie in allen Spielen, die einem vorgaukeln wollen, dass die Entscheidungen des Spielers wirklich eine Auswirkung auf den Verlauf hätten: letztlich kommt man über Umwege doch immer auf denselben Hauptpfad zurück. Hier besteht die Idee darin, dem Spieler aus seinen Antworten einen Strick zu drehen und mit gar fürchterlichen Dingen zu konfrontieren. Damit überhaupt noch etwas passiert, wähle ich meine Antworten natürlich so krank und notgeil wie möglich. Der schockierende Effekt: Alle Frauen im Spiel sind besonders aufreizend gekleidet. Das ist natürlich eine absolut verstörende Strafe, da hat mich das Spiel ja wirklich bei meiner größten Phobie gepackt. Ähem.

Zugegeben, es hat seine Momente. Als ich ein Bild farbig ausmalen sollte und das darauf abgebildete Paar komplett rot gefärbt habe (Blut! Sterben sollt ihr!), taucht es in der nächsten Szene auf und hat tatsächlich rote Klamotten im Partnerlook an – das birgt Potenzial für ein gewisses Unbehagen, hätte ich mich nicht gleichzeitig für einen lila Gartenzaun und einen kotbraunen Himmel entschieden.

Last but not least schwächelt Shattered Memories bei so elementaren Dingen wie der deutschen Übersetzung: An einer Stelle muss ich den Zugang zu einem Computer knacken, das Passwort ist das Sternzeichen des Besitzers. Nach kurzer Suche erfahre ich seinen Geburtstag und habe damit die benötigte Information. Der Haken an der Sache: Im Englischen werden Sternzeichen grundsätzlich lateinisch angegeben (Aquarius, Pisces, etc.), was im Deutschen völlig unüblich ist. Übersetzt wurde dieser Teil jedoch nicht, es wird in der Abfrage nach wie vor das Original verlangt. Wer also beispielsweise „FISCHE“ eingibt, wird scheitern und hängt fest. Für solche groben Patzer gibt es absolut keine Entschuldigung.

Unterm Strich kann ich für SILENT HILL: SHATTERED MEMORIES keine Empfehlung geben. Mir sind die vielen Lobeshymnen unbegreiflich – zu groß die Schwächen, zu farblos und vorhersehbar der Spielablauf, zu hässlich die Nacktmulle. Wer das nun unbedingt selbst erleben muss, sollte sich das Spiel allenfalls aus der Videothek leihen. Von einem Kauf rate ich in jedem Fall dringend ab – den freundlichen Preis von etwa 30 EUR möchte ich dennoch nicht unerwähnt lassen.

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Fabian Hartmann (Redaktion) Job: Doktorand ...for science (Future Internet/Social Networks. Nebenher Vorlesungen betreuen und Studis pampern.) Auf ZwO Experte für: das Zerreißen von Kritikerlieblingen. Ansonsten bin ich kürzlich vom PC-Saulus zum Konsolen-Paulus geworden und muss neben aktuellen Releases auch noch die besten Sachen aus der Zeit davor nachholen (für Xbox 360, PS3, Wii, (3)DS und Dreamcast - ächz!). Aufgrund meiner PC-Sozialisation lasse ich Shooter da aber meist links liegen, auch Sportspiele interessieren mich nicht. Mich springen eher stimmungsvolle, bunte Action-Adventures oder Puzzlespiele wie Professor Layton oder Portal an. Hier holt sich Fabian Gaming-News: Ich bin erschreckend schlecht aus erster Hand informiert, über die wirklich wichtigen Dinge wird sich meine Twitter-Timeline dann schon das Maul zerreißen. Filterbubble olé. Mail: fh [at] zockworkorange [dot] com Twitter: yesnocancel XBLA: yesnocancel PSN: yesnocancel Steam: yesnocancelzwo Erstes Game: Super Games Liebste Games: Uncharted 2, die God of War-Teile, King's Quest VI, Blade Runner, Bubble Bobble Liebste Persönlichkeit der Branche: Traditionell der Angry Video Game Nerd, auch wenn er stark nachgelassen hat. Jingleball für die Leidenschaft und Intensität, mit der sie sich in ein einzelnes Spiel reinkniet. Balkantoni für die stetige Verbesserung meines Wortschatzes. Liebste Game-Figur: Jade und Pey'j aus Beyond Good and Evil

4 Comments

  1. Ich kann die Euphorie bezüglich Shattered Memories auch nicht nachvollziehen und habe eine ähnliche Kritik veröffentlicht. Das Ding ist Gameplay-Technisch ein fast-Totalausfall. Wenn das Spiel wirklich mit Heavy Rain zu vergleichen ist und das die „Zukunft der Videospiele“ sein soll…dann gute Nacht.

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