Review: Harveys neue Augen 10

Review: Harveys neue Augen 10

Alles ist ruhig im Kloster, nur die wütenden Schreie der Oberin stören diese Idylle, während sie der schüchternen, kleinen Lilli eine undankbare Aufgabe nach der anderen aufbrummt. Wenn sie sich doch nur wehren könnte, doch leider bringt die brave Lilli nie mehr als ein leises „Uhm..“ heraus, bevor ihr wieder jemand ins Wort fällt. Ärgerlich, aber zum Glück hat sie mit Edna eine treue Freundin, die ihr immer zur Seite steht. Doch als um Lilli herum ein Unglück nach dem anderen geschieht und die Oberin keine andere Lösung mehr sieht, als den berüchtigten Dr. Marcel einzuladen, muss Lilli beweisen, dass auch sie für ihre Freundin da sein kann. Denn Edna hat schlechte Erfahrungen mit Dr. Marcel und will von ihm auf keinen Fall entdeckt werden. Dazu muss sie sämtliche Spuren auslöschen, die auf Ednas Anwesenheit in dem Kloster schließen lassen.

Als dann der Tag kommt, an dem Dr. Marcel erscheint, nimmt Lilli all ihren Mut zusammen. Doch gegen die neue Hypnosetechnik des Doktors kommt Lilli nicht an, dem blauen Hasen Harvey mit den rot leuchtenden LED-Augen hat sie nichts entgegenzusetzen. Lilli muss sich fortan an die von Harvey aufgestellten Regeln halten — tut sie das nicht, schimpft Harvey und setzt das kleine Mädchen unter Strom. Doch wie soll sie die Machenschaften des Dr. Marcel aufdecken und die mittlerweile entflohene Edna finden, wenn sie nicht mit Feuer spielen, nicht an gefährliche Orte gehen, nicht lügen oder mit spitzen Gegenständen hantieren und allen voran: Erwachsenen nicht widersprechen darf? Zum Glück ist die Lösung für dieses Problem ebenso simpel wie genial: muss Lilli sich über eine Regel hinwegsetzen, schnappt sie sich den antrabenden Harvey, versetzt sich mit ihm selbst in Trance und bekämpft die entsprechende Blockade in einer skurrilen Traumwelt, in der Harvey sich ihr in verschiedenen Manifestationen entgegenstellt. Sobald sie diese besiegt oder ihnen aufgezeigt hat, warum die entsprechende Regel Quatsch ist, steht es dem Mädchen fortan frei, die Blockade zu deaktivieren – allerdings niemals mehr als eine zur gleichen Zeit. Lillis Quest führt sie von der Klosteridylle durch abgedrehte Fantasiewelten, ein verschlafenes Städtchen neben dem Kloster und schließlich bis in die Anstalt Dr. Marcels, in der die Geschichte im Vorgänger „Edna bricht aus“ ihren Lauf nahm. Doch ihr beschwerlicher Weg zum einäugigen Doktor ist mit Leichen gepflastert. Mit wem die unschuldige Lilli auch spricht, man kann sich sicher sein, dass die Person in naher Zukunft durch einen schrecklichen Unfall niedergestreckt wird. Erschlagen durch ein schweres Kreuz in der Kirche, in die Luft gejagt und in tausend Stücke zerrissen… auch wenn Lillis Gewissen rein ist, bevor sie Dr. Marcel entgegentreten kann, muss sie ihre eigenen Dämonen bekämpfen und der Wahrheit ins dreckige Antlitz starren.

Harveys neue Augen ist ein skurriler und extrem makaberer Point-and-Click-Spaß, der eine wunderbar abgedrehte Story vor unglaublich schönen, handgezeichneten Hintergründen erzählt. Das Adventure fängt gemächlich an und tröpfelt fast schon zu lange vor sich hin, aber sobald Harvey ins Spiel kommt, lässt die Geschichte nicht mehr los. Dabei wechseln sich Adventure-typische Aufgabenketten mit Rätseln und Minigames ab. Die Aufgabenketten sehen beispielsweise so aus: Lilli muss in die Gefängniszelle im Dorf, weil dort eine Karte liegt. Dazu muss sie beim Alkoholtest „durchfallen“. Damit das klappt, braucht sie einen alkoholischen Drink aus der benachbarten Bar, allerdings verbietet ihr Harvey den Alkoholkonsum und das Rezept des einzigen Cocktails mit Alkohol hat der früherer Barkeeper mit ins Grab genommen. Selbst wenn Lilli das Rezept durch ein Medium auf dem Friedhof bekäme, bräuchte sie noch sämtliche Zutaten. Langeweile kommt bei diesen kniffligen Aufgaben sicher nicht auf, die ein oder andere harte Nuss will schon geknackt werden, so dass das Spiel auch geübten Adventure-Spielern eine Herausforderung bietet. Wer ein bisschen Hilfe braucht, lässt sich mit der Leertaste kurz anzeigen, mit welchen Gegenständen interagiert werden kann, das erspart wildes Klicken.

Die Minispiele sind alle komplett unterschiedlich; es gibt ein rundenbasiertes Kampf-Game, ein Tunnel-Game, bei dem man durch verschiedene Tunnel zum Ziel kommen muss und an einer Stelle muss man lernen, mit Eulen zu kommunizieren. Die Minispiele können ohne Auswirkungen auf das Spielgeschehen übersprungen werden, was eher unpassend ist, denn sie gehören schließlich genau so zum Spiel wie die restlichen Rätsel und Aufgaben.

Optisch ist Harveys neue Augen sehr abwechslungsreich und jedes Szenenbild ein kleines Meisterwerk für sich. Ein Dorf bei Nacht mit bunter Neonbeleuchtung, das Innere der Anstalt oder eine Westernstadt in Lillis Traumwelt. Dazu kommen jede Menge liebevoll designte Charaktere und eine dezente musikalische Untermalung, die sich nett im Hintergrund versteckt, um James Bond-Bösewicht Götz Otto als Erzähler nicht die Show zu stehlen. Wer das doof findet, kann einfach den Soundtrack in den Player schieben, der liegt dem Spiel nämlich als CD bei.

Außerdem verfügt das Spiel über einen Kopierschutz in Form einer Retro-Code-Scheibe (ihr wisst schon, wie das Dial-a-Pirate-Ding bei Monkey Island), die hier als cooles Retro-Gimmick verkauft wird, aber leider recht schnell auf die Nerven geht. Jeden Tag muss man Vorder- und Rückseite der Scheibe drehen und den Code eingeben. Schütz wohl kaum vor Raubkopierern, nervt aber die Spieler und muss nicht sein.

Jetzt geht schon los und kauft euch Harveys neue Augen! Und die Edna bricht aus – Special Edition gleich dazu! Sonst schicke ich euch Harvey vorbei – oder noch schlimmer: Lilli. Die bringen euch dann ganz schnell bei, was es heißt, artig zu sein.

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Mit-Gründer von Zockwork Orange, Casual Gamer, Assassin's-Creed-Fanboy, Hyrule-Retter. Beendet Spiele oft nicht, schreibt trotzdem drüber.

10 Comments

  1. Jap, in der Tat ein wirklich tolles Spiel. Ich fand die Drehscheibe hingegen sogar ziemlich toll. So kauft man sich das Spiel wenigstens wirklich, weil runterladen alleine nicht wirklich was bringt ;)

  2. Mhh ne, ich habs in 3 Sessions durchgesuchtet. Vielleicht kam es mir auch deswegen nicht so nervig vor.. :D

    Aber stimmt schon, bei der Installation haette im Grunde auch gereicht. Oder einmal pro Woche oder so.

  3. Ich musste die Code-Scheibe schon ein gutes Dutzend Mal in die Hand nehmen, vielleicht sogar mehr. Gegen Ende wurden die Sessions auch länger, zu Beginn waren’s eher so kleine mal-eben-ne-Stunde-zwischendurch-spielen-Sessions, deshalb hat das etwas länger bei mir gedauert :)

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