Manchmal ist eine Message auch zuviel des Guten: DmC – Devil May Cry 0

Manchmal ist eine Message auch zuviel des Guten: DmC – Devil May Cry 0

»DmC« ist jetzt seit etwa einem Monat für PCs draußen (etwa eine Woche länger für Konsolen). Das bedeutet, dass diese Review nicht in der heißen Phase erscheint, wo jeder jedem bei der bloßen Äußerung des Reboots an den Hals gegangen ist, ob jetzt im Guten oder im Schlechten – und das mit vollster Absicht. WHAT??! Richtig gelesen, denn der eine große Vorteil, den wir als Blogger haben, ist, dass wir eben nicht an Druckzyklen o.ä. gebunden sind. Warum begreife ich das als Vorteil? Weil das einem aus journalistischer (LOL) Sicht die Möglichkeit gibt, sich eine Sache mal mit Abstand anzuschauen, wenn man die Möglichkeit hatte, sich ein Spiel mal so richtig in Ruhe zu Gemüte zu führen und sich Gedanken zu machen, anstatt sich von „Hype“, „Geflame“ und ihren unehelichen Kindern „Vorfreude“, „Pessimismus durch Erfahrung“ und „Rosa Fanbrille“ vollquatschen zu lassen. Ich finde, dass »DmC« das verdient, denn in meinen Augen ist das ganze Gequatsche à la „OMFG!!! SIE HABEN DAS FRANCHISE GETÖTET!!!“ im letzten Monat genauso schwachsinnig, wie ich ihn im Falle »Max Payne 3« oder »Diablo III« fand.

ZwO Devil May Cry DMC 1

Aufgeregt

Als Capcoms neustes Baby erschienen ist, hat das Ganze teilweise nämlich sehr merkwürdige Blüten getragen: Leute haben sich einen Metacritic-Account erstellt, nur um das Spiel in einem zehnzeiligen Post zu zerreißen, Capcoms Foren sind VOR Release mit Hate-Mail überschwemmt worden und in Amerika ist sogar mal (belächelnswert erfolglos) dazu aufgerufen worden, eine Ladenkette zu boykottieren, die das Spiel verkauft hat. Und warum? Weil Dante jetzt aussieht, wie der Frontmann einer Latino-Boyband? Hey, ich bin genauso Fan von bestimmten Spieleserien wie jeder andere auch und Engagement als Fan ist in meinen Augen echt etwas Tolles, aber manchmal ist dieses Engagement einfach fehlgeleitet. Ich war zum Beispiel nie ein Fan von Formulierungen wie „das Franchise töten“. Entweder ein Franchise hat Erfolg und es erscheinen ständig neue Teile dafür, oder eben nicht und es wird eventuell zu einem späteren Zeitpunkt wiederbelebt. Beispiele für sowas gibt es genug. Man sollte meinen, dass den meisten Menschen das klar ist, aber jetzt nochmal für die Spätzünder: Klar, man kann mit einem Franchise in eine Richtung gehen, die man selbst als negativ empfindet (Oh, »Dragon Age«…*seufz*), aber egal, wie dämlich/hässlich/zu einfach man den neuen Teil einer Serie findet – die alten Games sind immer noch da! Das kann euch niemand wegnehmen und niemand fesselt euch an euren Schreibtischstuhl oder eure Couch, damit ihr jammernd, wehklagend und Flüche spuckend den Shooterreboot von »Master of Magic« spielt, während Tränen der Hilflosigkeit eure Wangen runterkullern.

Und selbst wenn mal der neue Teil einer Serie nicht unseren Erwartungen entspricht, gibt es immer noch andere Spiele dieser Art, die den eigenen Vorlieben eher entsprechen. Die ZwO Devil May Cry DmCIndustrie ist ein lebendiges Gebilde, alles ist im Fluss. Wenn das eine Entwicklerteam mit seinem Projekt in eine andere Richtung geht, wird sich eine Nische auftun, ein anderes Team wird das bemerken und versuchen, diese Nische mit dem eigenen Game zu füllen. Es ist eine Platitüde, aber es stimmt, dass wir als Gamer immer noch am Besten mit unserer Brieftasche sprechen sollten und etwas einfach nicht kaufen, wenn es Dreck ist. Das ist alles, was wir tun können, aber leider tun es die wenigsten. Fast alle WoW-Spieler aus meinem Freundeskreis fanden z.B. »Mists of Pandaria« albern/grausam und was haben sie ALLE getan? »Mists of Pandaria« bei Release gekauft… die Wahrheit ist doch, dass wir kein Recht darauf haben, dass Teams das Spiel genau so machen, wie wir als Fan-Community es haben wollen. Das haben sie doch z.B. beim ersten »Devil May Cry« auch nicht gemacht. Irgendwer hat sich hingesetzt, ein Spiel entwickelt und die Leute haben es gemocht. Wir haben ein Recht auf ein funktionierendes Produkt, darauf nicht wie Betatester behandelt zu werden und darauf, nicht durch Day-1-DLC und ähnlichen Mist abgezogen zu werden. Alles andere fällt unter „Fan-Feedback“, das wir in Foren und Blogs geben können und im Optimalfall (!) irgendwie gehört wird, aber auf keinen fall gehört werden MUSS. Zumal es soviel Fanfeedback gibt, wie es Fans gibt.

Aufgemerkt

414702_362813850451319_101232528_oUnd was heißt dieses ganze Gerante jetzt für »DmC«, um das es hier eigentlich gehen soll? Wer hat denn jetzt Recht, die Jubler oder die Flamer? Hmmm… Eigentlich keiner so richtig. Ist es ein bahnbrechendes Erlebnis, dass ich im nächsten Monat noch 3 Mal durchzuspielen gedenke und für das ich auf ewig dankbar sein werde? Nö. Hat es mich verleitet, meine XBox mittels Feuerzeugbenzin und Streichhölzern zur Hölle zu schicken, bevor ich mir selbst die Augen ausgekratzt habe? Auf keinen Fall! »DmC« ist ein ziemlich guter Vertreter seines Genres, der viele Sachen richtig macht, ein paar Sachen falsch (lies: Sachen die ich anders machen würde, wäre ich Designer.) und mit dem ich durchaus meinen Spaß hatte. Das Kampfsystem ist genau so hyperaktiv und over the top wie eh und je, Dantes dreckige Sprüche haben mich öfter mal grinsen lassen, die Hexe Kat ist eine äußerst nett gestaltete Ansammlung von Polygonen und die Bosskämpfe sind cool. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass die Handlung in-game nicht ausschließlich im Limbus stattfindet. Die Optik ist streckenweise sehr überdreht, surreal und strange, was ja cool ist, aber irgendwie an Aussagekraft verliert, wenn man eben ständig davon umgeben ist. Ein paar optisch gediegenere Levels in der normalen Welt, hätten einen schönen Ausgleich geliefert. Das zweite Hauptproblem ist, dass die Jungs und Mädels von Ninja Theory sich SO SEHR abgemüht haben, dem ganzen Ding eine Form von gesellschaftspolitischer Relevanz zu verleihen (Übergewicht und Faulheit sind schlecht für die Gesundheit, man sollte nicht alles glauben, was die Medien erzählen, usw.). Zum einen passt Gesellschaftskritik etwa so sehr zum Spielprinzip wie Kratos, der sich im neuen »God of War« plötzlich hinsetzt und mit einem Zyklopen die philosophischen Implikationen von Antigone diskutiert („Wen interessiert die Misogynie im athenischen Patriarchat??! Jetzt schlagt euch endlich die Zähne ein!!“). Zum anderen ist das ganze vorgetragen mit einer solchen einseitigen Schwerfälligkeit, dass es mich unfreiwillig an all die Trustfund-Hippies erinnert, die damals an der Uni mit mir in der Einführungsveranstaltung saßen: Die haben immer von der Befreiung der Arbeiterklasse gefaselt und Flyer für ihren marxistischen Lesekreis ausgelegt, sind aber trotzdem mit iPhones und Adidas-Sneakern rumgelaufen, die ihnen ihre Eltern vom Geld gekauft haben, das sie als Finanzberater etc. verdient haben. Wenn ein Publishinggigant wie Capcom mir in seinem Spiel also erzählen möchte, wie furchtbar die Medien, der Kapitalismus und Junkfood sind, hat das in etwa denselben unfreiwillig komisch-ironischen Effekt. Der Gedanke, ein paar Grundprobleme unserer heutigen Gesellschaft angehen zu wollen, ist gut gemeint, aber sie haben es damit einfach übertrieben.

Aufgeatmet

All das ist aber vergessen, sobald ich mich durch eine surreale Computerwelt prügle, an deren Ende ein Duell mit dem riesigen, schwebenden, neonleuchtenden Kopf eines Nachrichtensprechers auf mich wartet, denn alles was ein »Devil May Cry« können sollte, beherrscht auch der neuste Teil sehr gut. Was den Hauptcharakter angeht: Ich mag ihn. Mag vielleicht auch daran liegen, dass ich kein großer Anime-Fan bin und nicht denke, dass jeder zweite Charakter weiße Haare haben muss, um ihn als etwas besonderes zu kennzeichnen. Ab davon habe ich keine große Veränderung zum Original-Protagonisten feststellen können. Ja, Sex und Alkohol werden expliziter dargestellt als früher, um es unnötig „edgy“ und „gritty“ zu machen, aber hey… Besser und interessanter als Nero (auch bekannt als Dante in langweilig) ist der neue alte Hauptcharakter allemal. Wer es bis jetzt noch nicht getan hat, sollte dem Titel echt eine Chance geben.

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Job: Anglistik-Student, Werbär, God of Thunder (and Rock’n'Roll) Auf ZwO Experte für: RPGs, Action-Adventures, Strategie, Schleichspiele, Steampunk, Sci-Fi, Horror und pseudo-sinnige Essays Hier holt sich Jan Gaming-News: The Escapist, Destructoid, Gamesindustry.biz, Rock Paper Shotgun Mail: jh [at] zockworkorange [dot] com Twitter: JanHomrighausen XBLA: - PSN: - Steam: thatguy23469 Erstes Game: Sonic The Hedgehog Liebste Games: The Witcher 1 & 2, Mass Effect 1-3, Batman Arkham City, Amnesia, Guild Wars 2, Elder-Scrolls-Reihe, Heroes of Might & Magic 5, Medieval 2, Planescape: Torment, Thief 1-3 Liebste Persönlichkeit der Branche: Tim Schafer. Jemanden, der der Welt so viele geile, liebenswert-merkwürdige Spiele geschenkt hat, muss man einfach gern haben! Liebste Game-Figur: Jim Raynor, Geralt von Riva

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