Defiance: Free-2-Play zum Vollpreis? 2

Defiance: Free-2-Play zum Vollpreis? 2

Ich stehe ja total auf Geballer. Pewpewpew! Und ich stehe auf Science-Fiction-Kram. So mit Raumschiffen und allem drum und dran. Perfekte Voraussetzungen also, dass »Defiance«, der jüngste Spross auf dem Hause »Trion«, total auf meiner Wellenlänge liegt. Prinzipiell verfolgen die Macher hier auch eine überragende Idee: Parallel zum Release startet die gleichnamige Sci-Fi-Serie im Fernsehen, die Einfluss auf das Spiel nimmt. Und umgekehrt. Möglich ist dies durch die Natur des Spiels. »Defiance« ist nämlich ein MMO.

Mit dem Quad durch die Botanik
Mit dem Quad durch die Botanik

Aber zurück auf Anfang. Nach einer guten Stunde Installation und gefühlt ähnlich langem Patchvorgang (Xbox 360) darf ich endlich mit dem Spielen anfangen. Ein sehr begrenzter Charaktereditor lässt mich aus einer Hand voll Faktoren einen grob geschnitzten Recken erstellen. Was genau die Unterschiede zwischen den Klassen sind weiß ich nicht. Ich weiß nicht mal, für welche ich mich letztendlich entschieden habe. Ich vermute, dass das auch gar nicht wichtig ist. Nach einer kurzen Sequenz finde ich mich an Bord eines Raumschiffes wieder, das auch prompt abstürzt. Von nun an laufe ich in der Spielwelt herum und erfülle die MMO-typischen Sammel-, Jagd- und Boten-Quests. Was auffällt: Von Anfang an wird hierbei großen Wert darauf gelegt, dass die Quests auch wirklich überhaupt keinen Spaß machen. Wie am Fließband werde ich von A nach B geschickt und spare mir recht bald sogar das Überfliegen der Aufgabentexte. Ich fahre mit meinem Quad zur gewünschten Location, ballere gescriptet spawnende Dummgegner über den Haufen und hole mir meine mickrige Belohnung ab.

Verknüpfung zur Serie

Die Hauptdarsteller aus der Serie kommen ebenfalls vor.
Die Hauptdarsteller aus der Serie kommen ebenfalls vor.

Dabei sind besagte Quests wohl irgendwie mit der Storyline der Serie verwoben. Ohne die Serie gesehen zu haben (startet am 15. April 2013) wirkt alles aber unendlich austauschbar und könnte aus jeder x-beliebigen Sonntagnachmittags-Sci-Fi-Serie stammen. Zwischen einer guten Idee und einer guten Umsetzung liegen sichtlich oft Welten. Leider. So bleibt die Konnektivität zur Serie subjektiv gesehen nur ein blöder Marketingspruch der sich gut auf der Spielhülle macht. Fraglich außerdem: Wie lange wird die Serie laufen bis sie wegen zu geringer Zuschauerzahlen den unehrenhaften Fernsehtod stirbt? Werden die Verkaufszahlen des Spiels ausreichen um eine langfristige Bereitstellung der kostenfreien Spielserver zu gewährleisten? Aber viel wichtiger: WILL man das Spiel überhaupt länger als eine Stunde spielen?

Im Grunde kann man sagen: Wer »Rift«, »Borderlands«, »Guild Wars 2« und »WoW« mag, der ist hier gut aufgehoben, denn »Defiance« „klaut“ sich hier einiges zusammen. Problem dabei: Nichts ist wirklich ausgereift. Zwar sind die vier Grundfähigkeiten, die jeweils durch verschieden geartete Perks erweitert werden können, relativ nützlich, jedoch vermisse ich einen gewissen Grad an Balancing und Awesomeness. Alles wirkt sehr steif, sehr künstlich, fast wie in einem Free-2-Play-Titel. Die deutschen Sprecher sind unterirdisch, sowohl Spielercharakter als auch Gegner spacken gerne mal durch die Botanik und die Lags sind zum Teil unfassbar groß. Ob das jetzt an der Startphase liegt, in der die Server üblicherweise ja immer überlastet sind – keine Ahnung. Spaß macht das so aber nicht wirklich. Zumindest halten sich die Verbindungsabbrüche in Grenzen.

Hirn aus, Turbo an!

Pew Pew Pew!
Pew Pew Pew!

Auch optisch ist die Xbox-Fassung des Spiels eher eine Enttäuschung. Matschige Texturen und eine regelmäßig sichtlich (!) niedrige Framerate verursachen Kopfschmerzen und Unverständnis. Könnte an der riesigen Spielwelt liegen. Die ist nämlich derart groß (!), dass man sich recht bald verläuft und nach der ersten Mission bereits ein Gefährt erhält, das die schnellere Fortbewegung durch die eintönige Landschaft ermöglicht. Im direkten Vergleich zum MMO-Platzhirsch »WoW «wurde hier so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Wenn der Spieler keine Möglichkeit hat, sich mit seiner Umgebung vertraut zu machen und sich gegebenenfalls zu identifizieren, dann ist irgendwas gehörig schiefgelaufen. In Blizzards Fantasywelt kennt der Spieler sehr bald jeden Stein mit Vornamen, »Defiance «schickt den Spieler ständig von einem Ende der Spielwelt zum anderen, mit Nitroboost, damit man das möglichst schnell hinter sich hat. Hirn aus, Turbo an.

Die Schusswechsel mit der Dummfick-KI sind auch alles andere als spannend. Keine Action, keine wirkliche Deckungsmöglichkeit, lediglich stupides Draufballern und hoffen, dass der Gegner möglichst schnell umfällt. Ein Gelingen oder Scheitern hängt natürlich an der Ausrüstung des Spielers: Waffen, Rüstung und Schilde müssen möglichst so gewählt werden, dass … ach, ihr kennt das. Problem hierbei: Die Menüführung hat der Antichrist höchstselbst in die Codeinnereien von »Defiance« getippt. Ätzend. Wenn irgendetwas KEINEN Spaß macht, dann das hier. So etwas will ich noch weniger sehen als Nacktbilder von Veronica Ferres. Kennt die noch wer? Lebt die überhaupt noch?

Soziale Konnektivität

Wo war ich? Ach ja. »Defiance«. Ein MMO lebt ja bekanntlich von der sozialen Plattform, die es seinen Spielern bietet. Dass das auf einer Konsole nicht halb so leicht ist wie am PC, sollte jedem klar sein. Die Couchfassung bietet umständlich abrufbare Emotionsgesten und unfreundliche Mitspieler, wofür das Spiel selbst allerdings nichts kann. Gruppeneinladungen zum gemeinsamen Jagen werden mit beleidigenden Nachrichten oder Nichtbeachtung quittiert. Wer es nicht schafft, seine Freunde zu überreden, ebenfalls in die Weiten des MMO-Titels abzutauchen, der wird als höchste soziale Interaktivität miterleben, wie Mitspieler mit ihren Fahrzeugen blöde Unfälle bauen oder mitten auf dem Highway herumstehen um ihr Inventar zu sortieren.

Inwiefern die zukünftigen Patches das Spiel hübscher, flüssiger, spaßiger oder packender machen kann ich natürlich nicht sagen. Zum Release ist es jedenfalls kein Titel, der das Prädikat „großartig“ verdient, vielmehr ein mittelmäßiges MMO Marke „Software-Pyramide“. Einzig die Verwebung zur Serie und zu anderen Medien (Trailer, Landing-Pages im Vorfeld) könnte eine kleine Besonderheit darstellen können. Die Devise lautet also „Abwarten“.

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Joe 'Gefahr' Uessem (Redaktion, Grafik, PR) Job: Superheld, Grafik-Designer, Unterwäschemodel, Astronaut, Jetpilot, Hirnchirurg, Archäologe Auf ZwO Experte für: Sexuelle Zweideutigkeiten Hier holt sich Joe Gaming-News: von Jörg Langer persönlich Mail: ju [at] zockworkorange [dot] com Twitter: rinderhack XBLA: SgtSpeedrock PSN: - Steam: speedrock Erstes Game: Outlaw (1976) Liebste Games: Assassin's Creed & alles was ordentlich Bumm macht. Liebste Persönlichkeit der Branche: Ron Gilbert (The Grumpy Gamer) Liebste Game-Figur: Handsome Jack, Ezio Auditore und der Lange von Tetris

2 Comments

  1. Servus Joe!

    Ich muss an dieser Stelle ein Lob für deinen „Test“ aussprechen. Der Test spiegelt genau meine Erfahrungen wieder. Ich habe mich (leider) nach dem Test auf gamestar gerichtet bei dem das Game 77 Punkte bekommen hat.

    Auch bei Amazon hat das Game sehr gute Bewertungen die ich nicht nach vollziehen kann.

    Es wirkt einfach billig und lieblos. Wie du so schön schreibst. Wie ein Durchschnittliches Free2Play Game.

  2. Muss Ley und Joe ebenfalls zustimmen. Dem Spiel fehlt so viel Polishing und genauso wie einer besonderen Spielidee. Diese „zufälligen, dynamischen Weltevents“ werden seit Rift mittlerweile in jedes Spiel reingeklatscht, ohne sich mal Gedanken darüber zu machen, was Spieler von solchen Events erwarten. Auch die Shooter Action wirkt in Defiance stocksteif. Wer wissen wie, wie flüssiges Gameplay als MMO-Shooter funktioniert, sollte man Firefall antesten.

    Schade drum. Hätte mir ein besseres Tabula Rasa gewünscht.

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